Die Kirchen und die Intellektuellen


Multimedia Projektion «Genesis» in der Zürcher Kirche St. Jakob. (Bild: Arnd WIegmann / Reuters)
Gottesdienst mitzufeiern, setzt intellektuell Mut voraus. Darin unterscheidet sich Liturgie- von Konzertbesuch und Theaterteilnahme.

Christian M. Rutishauser | Neue Zürcher Zeitung

Kürzlich wurde an dieser Stelle zu Recht darauf hingewiesen, dass die Kirche mit ihren Gottesdiensten die Intellektuellen kaum mehr erreiche. Es mangle an Predigten, die existenzielle Fragen entfalten würden. Eine Predigt müsse zu Herzen gehen und den Verstand ansprechen. Letzte Sinn- und Wertfragen würden heute im Theater und bei Konzerten verhandelt. Der Analyse ist nur zuzustimmen. Gerade aus römisch-katholischer Perspektive ist Liturgie aber nicht nur Predigt. Sie ist Vergegenwärtigung des Göttlichen, eröffnet Raum für Heilserfahrungen, ist heiliges Spiel. Liturgie kann man als Performance und Inszenierung verstehen. Dies kommt der ästhetischen Annäherung an letzte Fragen nahe, die sich in unserer Zeit neuer Beliebtheit erfreut. Liturgie ist mit den Medien Theater, Kunst und Musik verwandt. Um Intellektuelle anzusprechen, brauchen Vorsteher und Vorsteherinnen von Gottesdiensten also nicht nur die Fähigkeit, existenzrelevante Fragen in prägnanter Sprache vorzutragen. Sie brauchen auch dramaturgische und ästhetische Kompetenz.

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