Jesus tritt ab, die Unvernunft bleibt


Spirituelle Sinnstiftung ist weiterhin gefragt. Auch in irritierenden Formen. (Bild: Shannon Stapleton / Reuters)
Die Menschen kehren den Kirchen den Rücken. Doch wer darin den Triumph der Rationalität sieht, täuscht sich. Die Menschen suchen den Sinn anderswo – auch bei Scharlatanen.

Simon Hehli | Neue Zürcher Zeitung

Christina von Dreien füllt die Säle. Fast 200 Franken bezahlen ihre Anhänger, um den neuen Star der Esoterikszene zu sehen. Eine zerbrechlich wirkende 18-Jährige aus dem Toggenburg, die von ihrer überehrgeizigen Mutter angetrieben wird. Von Dreien, die eigentlich Meier heisst, behauptet, sie stehe in Kontakt mit ihrer als Baby verstorbenen Zwillingsschwester, aber auch mit anderen Toten. Sie verspricht eine Zukunft, in der sich die Menschen selbst heilen können. Aus ihrer Sicht sind die Regierungen dieser Welt Marionetten finsterer ausserirdischer Mächte. Und die Dinosaurier sind nicht ausgestorben, sondern leben in unterirdischen Höhlensystemen. Gegenwärtig warnt der Teenager mit dem blassen Gesicht: Die 5G-Strahlung werde Bäume zum Absterben bringen. Und die Fans glauben es.

Die meisten Seminare, die von Dreien abhält, sind ausverkauft, in der Schweiz, aber auch in Deutschland. Von einem solchen Andrang können viele Pfarrer nur träumen. Ihre Kirchenbänke sind immer leerer, die Zahl der Austritte bei Reformierten und Katholiken steigt und steigt. Für manche ist das eine gute Nachricht. Religionskritiker nehmen die Krise der Kirchen als Beleg dafür, dass endlich die Vernunft über den (Aber-)Glauben siegt. Doch in dieser Interpretation der Säkularisierung täuschen sie sich grundlegend.

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