Die fehlbare Vernunft


Kant 1791 nach dem Berliner Maler Gottlieb Doebler ursprünglich in der Freimaurerloge Zum Todtenkopf und Phoenix in Königsberg, hier die zweite Ausführung für Johann Gottfried Kiesewetter. Bild: wikimedia.org/PD

Seine Schrift „Zum ewigen Frieden“ steckt in der UN-Charta, seine Vernunftkritik in der Wissenschaftstheorie, seine Ethik in Urteilen des Bundesverfassungsgerichts. Eine Berliner Tagung erkundete Werk und Einfluss Immanuel Kants.

Von Franz Viohl | Süddeutsche Zeitung

Mit Immanuel Kant und der Philosophie verhält es sich etwa so wie mit einem Buchstaben und einem Wort: Der eine setzt das andere voraus. Kants Schrift „Zum ewigen Frieden“ steckt in der Charta der Vereinten Nationen, seine Vernunftkritik in der Wissenschaftstheorie, seine Ethik in Urteilen des Bundesverfassungsgerichts. Das macht eine Vermessung von Kants Werk und Einfluss heute nicht gerade einfach. Inwiefern ist der „Weltweise aus Königsberg“ mehr als ein „Zitate-Steinbruch für Sonntagsreden“?

Danach fragte der Frankfurter Philosoph Marcus Willaschek auf einer prominent besetzten Tagung in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Mit Blick auf das Kant-Jahr 2024, in dem die Akademie den 300. Geburtstag mit einer Neuedition des Gesamtwerks feiern will, suchten die Veranstalter bei der dreitägigen Debatte nach dem „europäischen Denker“ in Kant. Kein schlechter Zeitpunkt so kurz nach der Europawahl, aber taugt der deutsche Idealist auch als Kommentator der Gegenwart?

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