Die „Judensau“ bleibt? Wittenberg und der Antisemitismus im Alltag


Bild: Peter Laskowski/FB
Die „Judensau“ bleibt. Ein Sandsteinrelief an der Stadtkirche Wittenberg, das dieses widerwärtige antisemitische Symbol zeigt, muss nicht beseitigt werden. Das hat das Landgericht Dessau-Roßlau vor einigen Tagen entschieden. Das ist ein glattes Fehlurteil. Schlimmer noch: Es ist – ein Beispiel dafür, wie Antisemitismus sich im Alltag ausbreitet und salonfähig wird.

Volker Boehme-Neßler | TELEPOLIS

An der Stadtkirche Wittenberg befindet sich seit dem Mittelalter ein Sandsteinrelief, das eine sogenannte „Judensau“ zeigt. Auf ihm ist ein jüdischer Rabbiner zu sehen, der den Schwanz eines Schweins anhebt und ihm in den After schaut. Weitere Figuren, die Juden darstellen sollen, versuchen, an den Zitzen des Schweins zu saugen. Solche zutiefst gehässigen antisemitischen Darstellungen waren vor allem im Hochmittelalter verbreitet. Immer ging es um Herabwürdigung, Demütigung, Diskriminierung und Ausgrenzung von Juden. Die Kirche in Wittenberg ist bei weitem nicht die einzige mit solch einer Darstellung. Dieses Bildmotiv findet sich in Europa fast bis in die Gegenwart. Das Nazi-Hetzblatt „Der Stürmer“ hat solche Darstellungen regelmäßig verbreitet.

Der eigentliche Skandal beginnt 2016. Ein Theologe fordert in einer Online-Petition, das antisemitische Machwerk abzunehmen. Das Reformationsjubiläum 2017 sei ein guter Zeitpunkt, sich mit dem Antisemitismus in der Kirchengeschichte zu beschäftigen. Nicht nur in Wittenberg entzündet sich eine öffentliche Diskussion. Vor der Stadtkirche kommt es zu Demonstrationen von Bürgern, die fordern, das Relief abzunehmen. Die Kirche weigert sich strikt. Begründung: Die Skulptur müsse als Erinnerungs-und Mahnzeichen stehen bleiben. Kein Wort davon, welche Wirkung die Skulptur auf die Gesellschaft hat. Was eine solche widerwärtige Darstellung in der Öffentlichkeit kommuniziert – der Kirche ist das egal. Schon das ist ein Skandal.

Der Skandal geht weiter. Der Staat schaut einfach weg. Die Stadtverwaltung von Wittenberg versteckt sich hinter fadenscheinigen Argumenten – und hinter einer kleinen Gedenkplatte, die seit 1988 an der Kirche angebracht ist. Minderheiten vor Herabwürdigung, Beleidigung und Ausgrenzung zu schützen? Für die Stadtoberen von Wittenberg ist dieser Auftrag des Grundgesetzes anscheinend nicht wichtig.

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