Sozialethiker sieht Niedergang der großen Volksparteien: „Man hört nicht mehr, was die Bevölkerung denkt“


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Bei der Europawahl haben sowohl Union als auch SPD Verluste hinnehmen müssen. Während sich die CDU von YouTube-Videos irritiert zeigt, will die SPD niemand mehr führen. Sind die großen Volksparteien in der Krise oder steckt mehr dahinter?

DOMRADIO.DE

DOMRADIO.DE: Was sagt es über Politiker aus, dass jetzt keiner so richtig ans SPD-Steuer will?

Prof. Joachim Wiemeyer (Theologe und Sozialethiker an der Bochumer Ruhr-Universität): Es ist in der SPD deswegen eine verfahrene Situation, weil man jetzt mit den Interims-Parteivorsitzenden schon insgesamt 15 Parteivorsitzende in 30 Jahren hatte. Also im Schnitt gab es hier alle zwei Jahre einen Wechsel.

Politik braucht aus Sicht der Wähler auch Vertrauen in Personen, die dann mit Konstanz Ämter innehaben. Wenn jetzt in der SPD aber so ein Konkurrenzkampf, ein Machtkampf herrscht und jeder neue Parteivorsitzende damit rechnen muss, dass er in zwei, drei Jahren oder in noch kürzerer Zeit wieder abgesetzt wird, dann ist das ein ungutes Klima.

Wir brauchen auch eine Solidarität innerhalb der Parteien mit denen, die aus der Partei heraus selbst gewählt worden sind. Hier fehlt einfach ein Mindestmaß an Loyalität und Disziplin innerhalb der Partei. Es fehlt auch die Bereitschaft, dass man einen Kandidaten mal über eine Wahlniederlage hinweg trägt. Willy Brandt hatte in den Jahren 1961 und 1965 zwei Mal Bundestagswahlen verloren und war erst im Jahr 1969 erfolgreich. Man hat an ihm trotz zweier Wahlniederlagen festgehalten. Heutzutage wird nach einer Europawahl oder verlorenen Landtagswahlen immer wieder der Parteivorsitzende ausgetauscht. Das kann nicht funktionieren.

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