Der Therapiestaat – die moderne Paternalismus-Maschine


Grafik: TP
„Betreutes Denken und Leben“ und damit die Infantilisierung der Bürger schreiten voran

Karl Kollmann | TELEPOLIS

Trotz aller Antipathie gegenüber dem Nationalstaat setzt heute das links-grüne Milieu voll auf ihn, wenn es um die Erziehung der Bürger zu besseren Menschen gehen soll – aber ebenso das rechtskonservative Lager zur Bewältigung von Migrations- und Beliebigkeitskrisen. Beide weisen der Verwaltung neue und mehr Aufgaben zu. Staaten, genauer: die staatliche Verwaltung, die Bürokratie, werden dabei emotional positiv als eine Art guter Freund der Bürger gesehen.

Klassische Liberale, die eine möglichst große individuelle Freiheit vom Staat wollen, gibt es anscheinend kaum mehr. Beim linken Milieu kommt das Paradox hinzu, dass sie nicht nur viele neue Regeln haben wollen, dies aber lieber nicht nationalstaatlich, sondern von der EU oder am besten globalistisch lösen möchten.

Politische Herrschaft

Die Rechtsunterworfenen hatten mit ihrem politischen Herrscher, dem Fürsten, schon immer zu teilen. Der Zehent, als Tributzahlung, war bereits im Altertum in verschiedenen Kulturen bekannt und über das Mittelalter bis in die frühe Neuzeit üblich. Das war ein Zehntel des erwirtschafteten Einkommens eines Untertans (und seiner Familie), in Kriegszeiten waren es gerne mehr. Heute geht es übrigens im Schnitt bei Singles in Deutschland an die 40 Prozent.

Das Grundversprechen zwischen Herrscher und Untertan lautet: Zehent gegen Sicherheit der Person und des persönlichen Eigentums. Immer feiner ausziseliert durch das ausufernde Rechtssystem. Die Fiktion des Gesellschaftsvertrages ist dabei ein Erklärmodell. Kein einziger Bürger hat mit seinem Staat eine solche Vereinbarung geschlossen. Das neugeborene Kind ist bereits rechtsunterworfen, die Eltern haben nur so viel mitzureden, als das Kindswohl nicht gefährdet wird. Ja, in diesem Beitrag soll die verbreitete Staatsromantik gegen den Strich gebürstet, gelesen werden.

Waren lange Zeit die Kirchen die „moralische Anstalten“ der Gesellschaft, die den Menschen vorgeschrieben haben, was sie tun und lassen sollten, so übernahm – als Nebeneffekt sowohl der Aufklärung wie der Industrialisierung – langsam die staatliche Bürokratie diese Aufgabe. Schulpflicht, Arbeitspflicht, Eheverbote gab es mannigfach Anfang des 19. Jahrhunderts; die Französische Revolution schaffte exzessiv neue Gesetze. Mit dem Bedarf an möglichst gesunden Soldaten und rascher „Instandsetzung“ von im Krieg Verletzten setzte der medizinische Aufschwung ein. Die Herstellung von Volksgesundheit war militärisches und politisches Ziel. Brauchbare Ernährung und Hygiene sowie geordnete familiäre Verhältnisse waren dann ärztlich inspirierte Anfänge, die Lebensweise der rechtsunterworfenen Individuen für eine militärische Nutzung zu verbessern.

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