Seine Philosophie hat die Lehren der Katastrophe verinnerlicht


Jürgen Habermas im Jahr 2012 auf dem Deutschen Juristentag (DJT) in München © Johannes Simon/dpa
Über Kants Philosophie soll Goethe einmal gesagt haben, ihre Lektüre erwecke den Eindruck, dass man ein hell erleuchtetes Zimmer betritt. Ein solches Lob gebührt nicht minder der Philosophie von Jürgen Habermas, die als spätmoderner Gipfel des von Kant begründeten rationalistischen Geistes herausragt.

Von Peter E. Gordon | ZEIT ONLINE

Was Habermas aber antreibt, sind nicht die nostalgischen Energien eines weltlosen Rationalismus; es ist vielmehr ein geläuterter Rationalismus, der die Lehren der historischen Katastrophe verinnerlicht und seinen Sitz in der sozialen Praxis selbst gefunden hat. Von metaphysischen Unbedingtheiten kann die Vernunft nicht mehr sprechen; sie überlebt einzig in der innerweltlichen und irrtumsanfälligen Form der öffentlichen Beratschlagung.

Ich begegnete Habermas zum ersten Mal in den späteren Achtzigerjahren. Damals wurden die Studierenden in den USA von Begeisterung für die anarchistischen Tendenzen gepackt, die man wahllos unter die Bezeichnung „Postmoderne“ subsumierte. Eine von Nietzsche und Heidegger inspirierte Stimmung verspielter Ironie hielt Einzug ins akademische Leben und verbreitete die Botschaft, dass der Sinn von Texten unerschöpflich und die Berufung auf universelle Moral als Maskierung der Macht zu entlarven sei. Doch die postmoderne Geisteshaltung verbraucht ihre emanzipatorischen Energien. Foucaults Verfahren der historischen Genealogie nährt die Einstellung einer alles erfassenden Skepsis: Es kann nicht erklären, warum irgendein politisches Engagement Vorrang vor einem anderen genießen sollte. Wird „Macht“ aber einmal als ultimative Bedeutung von Normalität angesehen, dann ist der zersetzende Realismus der Linken nicht mehr vom harten Realismus der politisch Konservativen zu unterscheiden – und die haben schon immer gesagt, dass Moral eine Fiktion und der Mensch ein gefährliches Tier sei.

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