Deutscher Ärztekongress für Homöopathie unter politischer Schirmherrschaft


Manuela Schwesig (2016), Bild: wikipedia.org/Ralf Roletschek –GFDL 1.2/Bild von ElliRakete auf Pixabay bearb.: bb
Ende Mai fand der „Deutschen Ärztekongress für Homöopathie“ in Strahlsund unter der Schirmherrschaft der Ministerpräsidentin Mecklenburg-Vorpommerns, Frau Manuela Schwesig, statt. Homöopathika und homöopathische Leistungen sind ein Dauerbrenner auf den (alternativ-) medizinischen Märkten und zugleich in der Alltagswelt vieler Deutscher angekommen.

Dr. Jeannine Kunert | EZW

Ihre Verwendung erscheint den meisten Bürgern und Bürgerinnen längst nicht mehr als skurril – immerhin hatten im Jahr 2014 bereits 60 Prozent der Bevölkerung schon einmal Homöopathika, die allgemeinhin als nebenwirkungsarm gelten, verwendet (Steffen de Sombre: Homöopathische Arzneimittel 2014. Bekanntheit, Verwendung und Image. Institut für Demoskopie, 2014). Dennoch schlug die Übernahme der Schirmherrschaft der Ministerpräsidentin mediale Wellen und rief die Gegner homöopathischer Therapieverfahren auf den Plan.

Die Tagung, die vom 29. Mai bis 1. Juni 2019 stattfand, stand unter dem Motto „Homöopathie und das Meer – Vom Ursprung des Lebens“ (vgl. https://2019.homoeopathie-kongress.de/). Das aus dem Meer kommende Leben und „gynäkologische Themen rund um Schwangerschaft und Geburt“ wurden als Rahmen und Schwerpunkt gesetzt. Die maritime Assoziation war der Ministerpräsidentin des „Küstenlandes“, neben der Feststellung, dass sich die Homöopathie zunehmender Akzeptanz erfreue, Grund genug, das Amt der Schirmherrschaft zu übernehmen. Dass sie sich damit im Kampf der Deutungshoheit um Krankheit und Heilung eindeutig positionierte, wurde journalistisch (vgl. Süddeutsche Zeitung vom 09.05.2019 oder Stern vom 10.05.2019), von Ärzten und Ärztinnen sowie seitens der Homöopathiegegner beanstandet. Diese bemängeln u. a., dass Frau Schwesig trotz der in zahlreichen wissenschaftlichen Studien nicht belegten Wirksamkeit der Mittel, die Erforschung ihrer Wirksamkeit weiterhin befürworte und damit die Faktizität der Studien anzweifle. In diesem Zusammenhang stehen auch Krankenkassen in der Kritik, die homöopathische Leistungen in ihr Leistungsportfolio übernommen haben und damit gemeinhin verbindliche medizinische Standards zugunsten der Wettbewerbsfähigkeit aushebeln. Das deutsche Arzneimittelgesetz (AMG, §38-39) verlangt derzeit für Homöopathika allein eine Registrierung, jedoch keine Zulassung, womit diese einer Sonderregelung gegenüber anderen Arzneimitteln unterlegen sind, da hier die Wirksamkeit nicht belegt werden muss. Auch ist die Meldung von Nebenwirkung der Homöopathika durch Ärzte und Ärztinnen durch diese Sonderregelung ausgenommen. Gegen die Ärztin, ehemalige Homöopathin und Mitbegründerin des Informationsnetzwerkes Homöopathie Nathalie Grams hat nun ein Hersteller homöopathischer Präparate Unterlassungsforderung gestellt, weil sie prominent die These vertritt, dass Homöopathika nicht über einen Placebo-Effekt hinausreichen. Damit setzt sich die Frage um Deutungshoheit und wissenschaftliche Faktizität auch auf dieser Ebene fort.