Nach dem Crash ist vor dem Crash


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Von Kryptowährungen, Blockchains und Facebooks neuer Währung Libra

Lars Jaeger | TELEPOLIS

Ein Gespenst geht um in der Finanzwelt, und diesmal ist es nicht der Kommunismus, der das Geld-Establishment in Angst und Schrecken versetzt. Das Gespenst heute heißt „Kryptowährungen“ und es droht die etablierten Machtstrukturen in der weltweiten Finanzindustrie umzukrempeln. Ähnlichkeiten mit dem kommunistischen Manifest beschränken sich auf die Heilsversprechen, die wir von den Befürwortern der neuen digitalen Währungen hören: Umsturz des traditionell intransparenten, korruptionsanfälligen und völlig überteuerten Geschäftsmodells der Banken, mehr Demokratie in Unternehmen und im Staat, Fairness im globalen Handel, die Durchsetzung sozialer Gerechtigkeit, bis hin zu einem Wohlstands-Turbo-Booster für die Ärmsten der Welt.

Natürlich ist es nicht politischer Idealismus mit dem Ziel, eine gerechtere Gesellschaft zu schaffen, der den momentanen Hype um Bitcoin und andere Kryptowährungen antreibt. Vielmehr ist es der gleiche Ausruf, der in genau dem Jahr, in dem Marx und Engels das Kommen des Kommunismus ankündigten, aus San Francisco erscholl: „Gold! Gold! Gold from the American River!“

Ruf des schnellen Geldes

Es ist der Ruf des schnellen Geldes, der auch 170 Jahre nach dem kalifornischen Goldrausch nichts von seiner Wirkung verloren hat. Wer kann schon ignorieren, dass hier schnell mal Millionen gescheffelt werden können? Nur dass man heute nicht mehr beschwerliche Tausende von Kilometern reisen muss, um das neue Gold zu „schürfen“, sondern nur ins Internet zu gehen braucht.

„Schürfen“, so heißt es tatsächlich, wenn man mit der Rechenkraft seines eigenen Computers neue Bitcoins zu erwerben anstrebt (was insgesamt eine Unmenge an Elektrizität verbraucht und die globale CO2-Bilanz belastet – dies ein wenig beachteter und unschöner Nebenaspekt von Bitcoin).

Und schon bahnt sich nach dem fulminanten Krypto-Crash von 2018, der gerade die Ahnungslosen, die an die völlig unregulierten und oft alles andere als transparent agierenden Bitcoin-Börsen getrieben wurden, 80% ihres Einsatzes verlieren ließ, ein neuer Hype an. Tatsächlich kann jeder, der will, seine eigene digitale Währung erschaffen. Unterdessen gibt es mehr als 2000 davon, mit Namen wie Ripple, Stellar, Golem, FunFair, HalloweenCoin oder SnakeEyes klingen manche wie Ecstasy-Sorten vor 20 Jahren.

Hier werden Erinnerungen an das adlige Münzprägerecht im Mittelalter wach, mit dem jeder Adlige, der dieses besaß, seine eigene Münzwährung prägen durfte. Was dazu kommt: Kryptowährungen eignen sich hervorragend für kriminelle Machenschaften: Geldwäscherei, Lösegelderpressung durch Hacker, Veruntreuung, Waffenhandel im Darknet, usw. – für all dies eignen sich Kryptowährungen bestens. Sie sind das monetäre Äquivalent des Darknets. Eines von vielen Beispielen ist die Kryptobörse QuadrigaCX, deren Gründer die Einlagen seiner Kunden im Umfang von mehreren hundert Millionen Dollar für seine privaten Zwecke veruntreute.

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