Wie reden wir miteinander in Zeiten der Polarisierung?


Grafik: TP
Diskursethik in „tief gespaltenen“ Gesellschaften: Ein Kernaspekt für die Zukunft der Demokratie

Roland Benedikter | TELEPOLIS

Ein Kernaspekt der Diskussion um die Zukunft liberaler Demokratie ist, wie wir miteinander reden. Viele beklagen heute, dass das politische Gespräch immer schwieriger wird. Das hat im wesentlichen drei Gründe.

Erstens sind es populistische Rhetoriken, die eine „Wir-gegen-sie“-Logik salonfähiger machen. Sie schließen nicht nur andere Arten der Vernunft durch ihre Argumentation aus, sondern fordern auch ausdrücklich und aktiv zum Auschluss auf.

Zweitens ist es die Verunsicherung durch den Trend zu Meinungsmedien und die „Blaseninformation“ sozialer Medien. Beide blasen gefilterte Teilinformationen mittels grosser Zahl einseitiger Meldungen, Texte und Medien zur einzigen Wahrheit auf, neben der Pluralität verblasst und alles Nicht-Identische Misstrauen erweckt und Abgrenzung erfahren muss. Differenz wird hier zur Andersheit, der das Merkmal des Fremdartigen und Unverständlichen anhaftet.

Der dritte Grund ist der steigende Einfluss politischer Korrektheit in der öffentlichen Rationalität sowie in Medien, Bildung und Eliten. Politische Korrektheit ist im Gegensatz zu den direkten, ja brachialen populistischen Rhetoriken, aber ähnlich wie die Blaseninformation sozialer Medien ein „Verdünnungselement“ indirekter und unterschwelliger Art, das subtiler, aber deshalb nicht weniger effizient wirkt.

Politische Korrektheit führt zu Ausschlussmechanismen aus dem gemeinsamen öffentlichen Gespräch, die unterschwellig funktionieren, indem sie Moral und Humanität einseitig als „menschliche“ Überlegenheit für sich vereinnahmen. Dieser Überlegenheit ist durch gegenteilige Argumentation in Sachfragen nicht beizukommen, da sie – meist unbewusst, manchmal auch bewusst – ein Metaelement darstellt, das implizit absolut funktioniert und daher durch andere unhintergehbar ist.

Diese drei Gründe wirken seit einigen Jahren immer stärker zusammen und verstärken sich gegenseitig.

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