Die Schützengräben in Mittelerde und die Moral der Bilder


„They shall not grow old“. Bild: © 2018 Imperial War Museum / Courtesy of Warner Bros. Pictures

Der Dokumentarfilm „They shall not grow old“ von „Herr der Ringe“-Regisseur Peter Jackson ist ein spannender, sehenswerter Film für Interessierte – und trotzdem ganz falsch

Rüdiger Suchsland | TELEPOLIS

Sie schauen uns an. Sie kämpfen, sie wollen die „Germans töten“, sie wollen ihrem Land „dienen“. Oder dem König. Oder dem Empire. Britische Soldaten im Ersten Weltkrieg. Mal wird gekämpft, mal wieder herumgealbert, ausgeruht, gegessen, viel marschiert. Man erzählt eigene Erfahrungen. Innenansichten des Krieges.

„They shall not grow old“ („Sie werden nicht alt werden) ist ein Dokumentarfilm, der komplett aus historischem Archivmaterial stammt. Montiert und inszeniert hat ihn der „Herr der Ringe“-Regisseur Peter Jackson.

Auf der Höhe neuester Effekte

Der Film bringt uns alles nahe, aber paradoxerweise wirkt es gerade dadurch fern. Wie der Blick auf Aliens. Die Nähe der Darstellung funktioniert wie ein Verfremdungseffekt. Wir sehen Menschen, mit denen wir nichts gemeinsam haben.

Nichts ist falsch an diesem Film, nichts ist wirklich neu, alles ist interessant, weil diese Bilder, zumindest historisch Interessierte immer wieder fesseln. Sehr vieles kann man seit Jahren jederzeit sehen: Wer sich die kleine Mühe macht, die öffentlich einsehbaren, als „open content“ rechtefrei zugänglichen Internet-Archive in den USA zu konsultieren oder sich einfach auf YouTube bewegt und dort zum Beispiel die 26-teilige BBC-Serie „The Great War“, zum 50. Jubiläum aus dem Jahr 1964 ansieht, der wird vieles wiedererkennen.

Was neu ist: Das Arrangement dieser Bilder. Ihre Einfärbung: Aus Schwarzweiß wird Farbe, mit Pastellfarben zugleich auf gelbgrüne Patina und „historisch“ getrimmt. Ihre Reinigung per moderner Computertechnik. Und digitale Umrechnung in 3-D. Vor allem aber: Der Ton. Jackson vertont den Ersten Weltkrieg auf der Höhe neuester Effekte.

Für seinen Film hat Jackson mit dem „Imperial War Museum“ in London gearbeitet. Er hat unglaubliches Archivmaterial mit Tonaufnahmen aus dem Fundus der BBC kombiniert. Die Hauptfrage, die dieser Film aufwirft, ist die nach der Moral der Bilder.

Der Krieg als Massenerfahrung und der Pointillismus der Bilder

Die Moral der Bilder. Für Normalzuschauer mag die Frage danach im ersten Moment reichlich akademisch erscheinen.

Aber genauso wichtig wie die Frage danach, was gezeigt werden darf, ist auch die danach, wie man es zeigt: Wann sind Eingriffe gerechtfertigt, weil sie die Bilder „verbessern“, das Erlebnis „steigern“, ab wann beginnen Manipulation und Propaganda? Und: geht es überhaupt um das Erlebnis? Sind Gefühl und Emotion beim Publikum wichtig? Warum?

Es sind solche prinzipiellen Fragen des Filmemachens, die Peter Jacksons Film berührt und für sich in bestimmter Weise beantwortet.

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