Die Dritte Aufklärung“ von Michael Hampe: Wissen wagen wollen

Kants Gedanken zur Aufklärung scheinen nicht alle zu überzeugen: 2018 wurde seine Statue in Kaliningrad mit rosa Farbe besudelt.Foto: dpa/Vitaly Nevar

Bildungsoffensive zur Vermeidung von Gewalt: Michael Hampe versucht sich in seinem Buch „Die Dritte Aufklärung“ an einer Neudefinition der Philosophie.

Von Hendrikje Schauer | DER TAGESSPIEGEL

„Dare to know“ prangt in großen, weißen Lettern auf den Rückseiten der neuen Bände aus der 1713 in Berlin gegründeten Nicolaischen Verlagsbuchhandlung, die jetzt Nicolai Publishing & Intelligence, kurz: NP&I heißt. Aufklärung reloaded? „Die Dritte Aufklärung“ von Michael Hampe, Philosophieprofessor an der Zürcher ETH, gehört zu den ersten Büchern des Verlags (Nicolai Publishing & Intelligence, Berlin 2019. 96 Seiten, 20 €). Es kommt, mit fünf anderen Bänden, in einem Schuber: „Diskurse, die wir führen müssen“.

1783 provozierte die Frage des Berliner Pfarrers Johann Friedrich Zöllner, was Aufklärung denn sei, eine Reihe von prominenten Antworten. Darunter ist der berühmte Beitrag Immanuel Kants, der wiederum Worte des Horaz aufgriff. Dabei war die Frage des Pfarrers, zu jener Zeit Prediger an der Marienkirche, in einer Fußnote versteckt und als Spott gedacht. Eine „zweite Aufklärung“ rief der italienische Philosoph Ernesto Grassi, der bei Martin Heidegger studiert hatte, in den Nachkriegsjahren aus. Es war als Rechtfertigung der von ihm herausgegebenen Reihe „rowohlts deutsche enzyklopädie“ angelegt. 75 Bände waren seit 1955 erschienen. Bildung für die Massen wollte Grassi: Das klang schon fast wieder nach der Predigt von der Kanzel.

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„Marburger Leuchtfeuer“ für Ärztinnen Hänel und Hartbrich

Die beiden Ärztinnen Kristina Hänel und Ruby Hartbrich werden an diesem Dienstag mit dem „Marburger Leuchtfeuer 2019“ ausgezeichnet. Hänel erhält den Preis für ihren Einsatz für einen freien Zugang zu Informationen über Schwangerschaftsabbrüche.

evangelisch.de

Hartbrich wird für ihr ehrenamtliches Engagement auf dem Rettungsschiff „Sea-Watch“ im Mittelmeer geehrt. Die Stadt Marburg und die Humanistische Union verleihen den undotierten Preis an Persönlichkeiten, die sich für die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen am gesellschaftlichen Leben einsetzen.

Oberbürgermeister Thomas Spies (SPD) wird die Auszeichnung um 15 Uhr im Historischen Saal des Marburger Rathauses an die beiden Ärztinnen überreichen. Die Laudatio soll die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (CDU) halten.

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Hasserfüllte christliche Schlägertrupps, vernichtete Bibliotheken und massakrierte Gelehrte

Catherine Nixey erzählt in einem glänzend geschriebenen Buch vom christlichen Bildersturm und der Kulturzerstörung. (Deutschlandradio / DVA)

Hasserfüllte christliche Schlägertrupps, die antiken Statuen die Glieder abrissen, Bilder zerstörten und Gelehrte massakrierten – in ihrem Buch erzählt Catherine Nixey, mit welch religiösem Fanatismus die frühen Christen die antike Kultur zerstörten.

Von Wolfgang Schneider | Deutschlandfunk Kultur

Sieger schreiben die Geschichte. Das sieht dann zum Beispiel so aus: Gegen alle Anfeindungen und Verfolgungen hingen die Christen der ersten Jahrhunderte unverdrossen ihrer Religion an. Vom Beispiel solcher Glaubensinbrunst beeindruckt, bekehrten sich immer mehr Menschen zum Christentum, bis es zur römischen Staatsreligion wurde.

Im Zeichen der Botschaft Jesu und des überlegenen Monotheismus erlebte die antike Vielgötterei sozusagen ihr friedliches Absterben. Dennoch bewahrte die christliche Kirche in ihren Klöstern durch die dunklen Jahrhunderte des Mittelalters die alte Kultur, etwa die Texte antiker Autoren. 

Bildersturm und Kulturzerstörung

Catherine Nixey will Letzteres nicht abstreiten, nur gibt sie zu bedenken, dass die Verdunkelung vom Christentum selbst herbeigeführt wurde, in einem Furor des Bildersturms und der Kulturzerstörung vor allem während des vierten und fünften Jahrhunderts.

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Splatter-Kult: Neun Knochenteile von Petrus sind verschenkt, aber die anderen sind noch da

Frei nach Da Vinci, Quelle: BadA$$Mood

Die neun Knochenfragmete des Apostels Petrus, die Papst Franziskus jüngst dem orthodoxen Patriarchen Bartholomaios von Konstantinopel schenkte, sind nur ein Teil der im Vatikan verbleibenden Petrusreliquien. Das hat der Archäologe Pietro Zander klargestellt, der bei der Bauhütte von Sankt Peter die Abteilung für Nekropolen leitet.

Gudrun Sailer, Salvatore Tropea | Vatican News

Die neun dem Patriarchen verehrten Knochenteile des Petrus befanden sich in einem bronzenen Reliquiar aus dem Jahr 1971, das Papst Paul VI. in seiner Privatkapelle im Apostolischen Palast aufbewahrte. „Die Inschrift auf diesem Behälter besagt, dass diese Knochenteile zu jenen gehören, die dem heiligen Petrus zugerechnet wurden“, sagt Zander. Die von Franziskus verschenkten Reliquien stammten daher „aus einer größeren Gruppe von Knochen, die heute noch in der Nische der so genannten ,Mauer G´ oder Graffiti-Mauer unter dem Papstaltar der Vatikanischen Basilika erhalten sind. An genau dieser Stelle ließ am 26. Juni 1968 Papst Paul 19 durchsichtige Plexiglaskästchen mit Knochenfragmenten des ersten Papstes anbringen“, so Zander. „Von dieser Reliquiengruppe wurden damals neun Knochenteile ausgegliedert, die in die Privatkapelle der päpstlichen Wohnung des Apostolischen Palastes gebracht wurden, um den Anliegen und dem Willen des Heiligen Vaters zur Verfügung zu stehen“.

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Laut einer Uno-Studie wurden im Jahr 2017 rund 87 000 Frauen getötet

Laut einer Uno-Studie wurden im Jahr 2017 rund 87 000 Frauen getötet. Verglichen mit 2012 ist dies ein leichter anstieg. Die meisten Tatorte liegen in Asien und Afrika.

Neue Zürcher Zeitung

Rund 50 000 Frauen sind 2017 nach einer Studie der Vereinten Nationen (Uno) von ihrem Partner oder von Familienangehörigen getötet worden. Insgesamt starben weltweit 87 000 Frauen durch ein Tötungsdelikt. Das geht aus einem am Montag veröffentlichten Bericht des Uno-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) in Wien hervor.

«Viele werden von ihren aktuellen oder früheren Partnern getötet, aber auch von Vätern, Brüdern, Müttern, Schwestern und anderen Familienmitgliedern wegen ihrer Rolle und ihres Rangs», stellt der Bericht fest.

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Die Option unbegrenzter Staatsschulden

Grafik: TP

Gibt es für Staatschulden eine obere Schranke? Wenn nicht, ließen sich gesellschaftliche und globale Probleme über eine unbegrenzte Verschuldung lösen?

Bernd Murawski | TELEPOLIS

Die Bewegung „Friday for Future“ hat Zweifel geäußert, ob die Politik in der Lage ist, die großen Herausforderungen der Gegenwart zu bewältigen. Vor dem Hintergrund ehrgeiziger Zielsetzungen und ermutigender Konferenzbeschlüsse erscheinen die realen Anstrengungen für den Klimaschutz eher dürftig. Zunehmend dämmert es den Aktivisten, dass neoliberale Strukturen der wesentliche Bremsfaktor sind. Sind Politiker gegenüber dem globalen Kapital tatsächlich so hilflos, wie es erscheint?

In diesem Beitrag soll eine wirtschaftspolitische Option zur Diskussion gestellt werden, die den Handlungsspielraum der Politik beträchtlich erweitern würde. Sie enthält Elemente des Keynesianismus, ohne dessen Optimismus hinsichtlich gesellschaftlicher Umverteilung und eines Schuldenabbaus in Hochkonjunkturphasen zu teilen. Erwogen wird stattdessen die Möglichkeit für Regierungen, sich bei ihrer Zentralbank unbegrenzt zu verschulden. Obgleich es nicht allgemein wahrgenommen wird, bewegen sich die westlichen Staaten seit geraumer Zeit in diese Richtung. Am weitesten hat sich Japan vorgewagt.

Das hier vorgeschlagene Konzept bedarf zur Umsetzung augenscheinlich keiner neuen, sondern lediglich einer Ausweitung der bisherigen Praxis sowie einer offiziellen Erklärung. Darüber hinaus hat es den Vorteil, dass es keine Verlierer kennt. Forderungen nach Umverteilung von Einkommen und Vermögen oder nach Beschränkung des globalen Kapitalverkehrs tangieren dagegen die Interessen der Machteliten und treffen folglich auf heftige Gegenwehr. Noch schwerer realisierbar dürften alternative Wirtschaftsmodelle sein, wie sie etwa von Sahra Wagenknecht, von Gemeinwohl-Ökonomen und von Vertretern der Freiwirtschaftslehre entworfen wurden.

Der Artikel ist zweiteilig. In diesem ersten Teil werden die Handlungsalternativen der Regierungen dargelegt, die angesichts externer Sachzwänge verbleiben. Um Kapitalinteressen bedienen zu können, werden den Bürgern zunehmend soziale und materielle Einschnitte zugemutet, was wachsenden Widerstand hervorruft. Eine Eskalation der Lage lässt sich nur vermeiden, indem Staatsausgaben vermehrt durch Schulden finanziert werden.

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Oumuamua ist wohl kein Bote einer außerirdischen Zivilisation

Oumuamua kam vermutlich aus einem fremden Sternsystem zu uns.Illustr.: Eso/Nasa/tberg

Bisher ausführlichste Analyse des seltsamen Besuchers aus dem fernen All weist auf ein natürliches Phänomen hin

derStandard.at

Am 19. Oktober 2017 erfasste das Pan-Starrs-1-Teleskop des Haleakala Observatoriums auf Hawaii einen Asteroiden, der bis heute die Fachwelt und interessierte (und vor allem auch phantasievolle) Laien gleichermaßen beschäftigt. Alleine die Herkunft macht den 1I/ʻOumuamua (Hawaiisch für „zuerst erreichen“) benannten Brocken zu einem spektakulären Objekt: Der zwischen 400 und 800 Meter lange Asteroid passierte unser Sonnensystem mit hoher Geschwindigkeit auf einer parabelförmigen Bahn annähernd senkrecht zur Ekliptik. Für Astronomen ist dies ein starkes Indiz, dass Oumuamua aus dem interstellaren Raum zu uns gekommen ist.

Doch das Objekt gibt noch weitere Rätsel auf: Da die Schwerkraft seine merkwürdige Flugbahn nicht alleine erklären kann, kamen Wissenschafter um Marco Micheli von der Europäischen Weltraumagentur (Esa) zu dem Schluss, dass kometenartige Ausgasungen durch die Sonnenwärme die außergewöhnliche Zigarre beschleunigt haben müssen.

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Warum zurzeit so viele Hummeln sterben

Ganz schön hungrig: Eine Ackerhummel auf der Suche nach Nektar.Foto: P. Pleul / dpa

Unter Berlins Silberlinden liegen derzeit unzählige tote Hummeln. Das Massensterben stellte Forscher lange vor ein Rätsel: Hat der Nektar sie vergiftet?

Anne Armbrecht | DER TAGESSPIEGEL

Unter Linden lässt sich dieser Tage in Berlin ein gruseliges Schauspiel beobachten. Dutzende Hummelleiber drängen sich, oft schon tot oder eben verendend, in gelbbraunen Blütenteppichen. Es ist ein regelrechtes Massensterben. Forscher standen lange vor einem Rätsel und sind in Sorge.

„Wir beobachten dieses Phänomen seit 30 Jahren. Aber es wird immer schlimmer“, sagt Derk Ehlert, Wildtierexperte der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Die Zahl der Hummeln hätte bereits dramatisch abgenommen, immer mehr Arten stünden auf der Roten Liste. Der schlimme Verdacht: Vergiftet der Nektar der Silberlinde die Tiere?

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Schnarchen ist Männersache, oder?

Schnarchende Männer sind in vielen Beziehungen eine Herausforderung. Nun zeigt eine Studie aber, dass Frauen offenbar gleich laut und häufig schnarchen wie Männer. Allerdings kommt es hier auf die Interpretation der Daten an.

Lena Stallmach | Neue Zürcher Zeitung

Schnarchende Männer sorgen regelmässig für Gesprächsstoff bei Frauen. Nicht selten weckt das ohrenbetäubende Schnarchen Wut und Aggressionen, die man sich tagsüber kaum vorstellen kann. Eine Freundin erzählte, dass sie in solchen Momenten gut nachvollziehen könne, warum eine 87-jährige Frau ihren Mann im Schlaf mit einem Kopfkissen erstickte.

Mein Mann behauptet, dass auch ich manchmal schnarchen würde. Das hielt ich bis vor kurzem für eine masslose Übertreibung. Vielleicht atme ich einmal laut, wenn ich erkältet bin, aber richtig schnarchen so wie er? Nie und nimmer.

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Vom Aussterben der Zeitungen

Bild: congerdesign/pixabay.com

Lässt sich der Zug zur Zeitungsflatrate noch aufhalten?

Werner Zillig | TELEPOLIS

Demnächst wird ein Buch mit dem Titel „2084. Orwells Albtraum“ erscheinen, herausgegeben von Rainer Schorm und Jörg Weigand. Es wird der Versuch von deutschen Science-Fiction-Autoren sein, durch „Zukunftsgeschichten“ in eine ferne, aber nicht mehr so ferne Zeit zu schauen. Die Autoren sehen da Böses, Heiteres und allerlei Skurriles. Wie das halt so ist beim Blick in die Glaskugel.

Bei der Geschichte, die ich beigesteuert habe, steht am Anfang eine Rückschau aus dem Jahr 2084: Das wichtigste Anzeichen für das Herannahen der großen gesellschaftlichen Katastrophe in Deutschland sei gewesen: dass seinerzeit die großen Zeitungen alle verschwunden seien. „Die kleinen Zeitungen natürlich sowieso. Die Zeit, die Frankfurter Allgemeine, die Süddeutsche, der Spiegel – innerhalb von zwei Jahren hat es sie nicht mehr gegeben. Anrührend war der Versuch von Spiegel und Süddeutscher Zeitung, ihre Redaktionen in Berlin zusammenzulegen.“ Dieser Versuch ist dann selbstverständlich misslungen. Die Lage war für die Zeitungen schon aussichtslos geworden.

Nun sind für solche Geschichten dystopische Entwürfe natürlich allemal interessanter als fröhliche, positiv gestimmte, und so ganz ernsthaft ist das ja vielleicht nicht gemeint, wird sich so mancher denken. In diesem Sinne könnte ich jetzt sagen: „Keine Sorge! So wird’s nicht kommen! Ist nur eine Geschichte.“ Auf der anderen Seite: Wenn ich so etwas schreibe, ist das nie um des Effekts willen aus den Fingern gesogen. Es steht eine ernsthafte Sorge dahinter. Eine Sorge, die sich genauer ausformulieren und begründen lässt.

Wo liegen heute die Anzeichen, dass an dieser Phantasie etwas dran sein könnte? Was könnte ein solches Aussterben der klassischen Zeitungen bewirken?

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Der längste Aufschwung in Amerikas Geschichte hat einige Schönheitsfehler

In den USA werden weiterhin viele Jobs geschaffen. Die Aufnahme zeigt ein Produktionswerk von Ford in Chicago. (Bild: Amr Alfiky / AP)

Amerikas Wirtschaft wächst seit 121 Monaten ohne Unterbruch. Das ist ein Rekord. Doch der Aufschwung ist teuer erkauft.

Thomas Fuster | Neue Zürcher Zeitung

Die USA sind in Festlaune. Das hat nicht nur mit dem Unabhängigkeitstag zu tun, der diese Woche mit besonders viel patriotischem Pomp über die Bühne ging. Zu feiern gibt es auch den längsten Wirtschaftsaufschwung in der Geschichte des Landes. So expandiert die weltgrösste Volkswirtschaft seit nunmehr 121 Monaten in Folge. Der Aufschwung, der im Juni 2009 eingesetzt hat, be­weist damit mehr Ausdauer als der zwischen 1991 und 2001 beobachtete Boom, der bisher den Rekord bezüglich Langlebigkeit hielt. Dass sich Donald Trump den Erfolg ans eigene Revers heftet, überrascht kaum. Nur Kleinkrämer und Spielverderber erinnern den Präsidenten daran, dass er erst seit zweieinhalb Jahren im Weissen Haus sitzt.

Kraftlose Expansion

Die Leistung der USA soll nicht geschmälert werden. Dennoch gibt es einige Wermutstropfen. So war der Aufschwung der vergangenen Jahre deutlich kraftloser als die Expansion der 1990er Jahre, die grösstenteils mit der Amtszeit von Bill Clinton zusammenfiel. Während Amerikas Wirtschaft im «Clinton-Boom» um 43 Prozent zulegte, beträgt das Plus im derzeitigen Zyklus nur 25 Prozent. Nach Massgabe des Wachstums pro Jahr befinden sich die USA im schwächsten Aufschwung der Nachkriegszeit. Diese Trägheit dürfte nicht zuletzt mit den – bis heute anhaltenden – Aufräumarbeiten im Zuge der Finanzkrise zu tun haben.

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Lieber Suizid als Abschiebung

»18. April 2018: Justizvollzugsanstalt Bremervörde im niedersächsischen Landkreis Rotenburg an der Wümme. An der Tür des Nassbereichs seiner Zelle erhängt sich ein irakischer Flüchtling mit seinen Schnürsenkeln. Er wird erst gefunden, nachdem die Leichenstarre bereits eingesetzt hat.

Peter Nowak

Der psychologische Dienst hatte zuvor eine Suizidabsicht verneint. Der Mann hinterlässt sieben Kinder im Alter von elf bis 15 Jahren.« Zahlreiche solcher Meldungen über Selbstmorde oder Selbstmordversuche von Flüchtlingen finden sich in der 26. Ausgabe der Dokumentation.…

»Bundesdeutsche Flüchtlingspolitik und ihre tödlichen Folgen«, die kürzlich von der Antirassistischen Initiative (ARI) in Berlin herausgegeben wurde, herunterladbar unter www.ari-dok.org.

Die regelmäßigen Abschiebungen nach Afghanistan sorgen in der Öffentlichkeit kaum noch für Aufmerksamkeit. Für die Geflüchteten sind sie eine Quelle der Angst.

Elke Schmidt begann das Projekt 1993 mit einer Mitstreiterin. Damals hatte sich der Onkel eines verschwundenen tamilischen Flüchtlings an die ARI gewandt. Die Organisation forschte nach und fand heraus, dass er mit acht anderen Tamilen beim Grenzübertritt in der Neiße ertrunken war. Seither sammelt das kleine Team Nachrichten über Todesfälle, Misshandlungen und Gewalt, die in direktem Zusammenhang mit der deutschen Flüchtlingspolitik stehen. Alle veröffentlichten Meldungen werden von mindestens zwei Quellen gestützt. Die Recherche ist für das Team häufig schwierig, weil die Polizei und andere Behörden oft nicht besonders auskunftsfreudig sind. Nach Schmidts Angaben hat sich die Zahl der Suizide von Flüchtlingen in den vergangenen Jahren auf durchschnittlich etwa 30 im Jahr erhöht, Suizidversuche und Selbstverletzungen gibt es jährlich etwa 400. Von 1993 bis 2018 wurden 288 Selbsttötungen von Flüchtlingen registriert.

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Europäische Sozialdemokraten gehen auf Distanz zur SPD

Ursula von der Leyen bei einem Treffen mit den europäischen Christdemokraten am 3. Juli in Straßburg Bild: Reuters

Die SPD will Ursula von der Leyen auf keinen Fall zur Präsidentin der EU-Kommission wählen. Aber die spanische Fraktionschefin der Sozialdemokraten in Europa will der CDU-Frau erstmal zuhören.

Von Thomas Gutschker, Frank Pergande | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Die europäischen Sozialdemokraten halten sich die Möglichkeit offen, Ursula von der Leyen zur EU-Kommissionspräsidentin zu wählen. Zwar sei es nicht gerade ein gutes Empfehlungsschreiben, dass ihre Nominierung von den Visegrád-Staaten unterstützt werde, sagte die spanische Fraktionsvorsitzende Iratxe Garcia der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (F.A.S.). „Wir werden die Person aber nicht beurteilen, bevor wir ihr zugehört haben.“ Von der Leyen will sich der Fraktion am Mittwoch vorstellen. „Wir werden dann ja sehen, wie viel ihr daran liegt, die Werte der Europäischen Union zu bewahren und den Wandlungsprozess anzuführen, den die Europäische Union braucht“, sagte Garcia weiter.

Die Spanierin distanzierte sich damit von den deutschen Sozialdemokraten im Europäischen Parlament. Deren Delegationsleiter Jens Geier hatte sich gleich nach Leyens Nominierung durch die Staats- und Regierungschefs festgelegt: „Die Europa-SPD wird diesem Vorschlag auf keinen Fall zustimmen.“ Andere SPD-Abgeordnete, etwa die frühere Justizministerin Katarina Barley, erklärten, dass sie gegen von der Leyen stimmen werden. Auch der stellvertretende SPD-Vorsitzende Ralf Stegner rechnet mit einer einhelligen Ablehnung der Kandidatin: „Das ist die Linie, ich nehme derzeit auch niemanden wahr, der das anders sieht“, sagte er der F.A.S.

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Philosophie ganz ohne Bart

Die Ermordung der Philosophin Hypathia (4. Jahrhundert). Viele weibliche Intellektuelle vor und nach ihr blieben gänzlich unbekannt. Dass aber Frauen schon immer eine Rolle in der Philosophie spielten, zeigt ein mehr als 300 Jahre altes Buch. (Imago / Leemage)

Sinnbildlich für die Philosophie steht die antike Männerbüste: bärtig, in Denkerpose. Gilles Ménages „Geschichte der Philosophinnen“ aus dem 17. Jahrhundert zeigt: Philosophie war schon immer auch weiblich. Erstmals ist das Buch nun auf Deutsch erschienen.

Von Catherine Newmark | Deutschlandfunk Kultur

Die Geschichte der Philosophie wird gerne entlang von großen toten Männern erzählt: Platon, Aristoteles, Descartes, Kant, Hegel usw. Dass Frauen kaum auftauchen, fällt den meisten schon längst nicht mehr auf. Und wer drei Philosophinnen nennen soll, denkt meist an solche aus dem 20. Jahrhundert, als sich die Lebensverhältnisse so weit modernisiert und die akademischen Institutionen so weit geöffnet hatten, dass die Philosophie Frauen offen stand: Simone de Beauvoir, Hannah Arendt, Judith Butler.

Versuch, weibliche Intellektuelle sichtbar zu machen

Dass auch frühere Jahrhunderte – und das bis zurück zu den alten Griechen und damit den Ursprüngen der westlichen Philosophie – voller philosophierender Frauen waren, hat die „Frauenforschung“ seit den 1970er- und 1980er-Jahren immer wieder gezeigt. Gerade für die feministischen Philosophinnen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war es wichtig zu betonen, dass es natürlich auch Vorläuferinnen gegeben hat, und dass diese zu Unrecht vergessen wurden. So wurden in den letzten Jahrzehnten viele weibliche Denkerinnen wiederentdeckt: von der antiken Philosophin Hypathia über die mittelalterliche Feministin Christine de Pizan bis zur Naturphilosophin Margaret Cavendish im 17. Jahrhundert.

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Der permanente Krieg und die Propaganda

Bild: TP

Ulrich Teusch im Telepolis-Salon über den Krieg vor dem Krieg und die Rolle der Medien

Florian Rötzer | TELEPOLIS

Von Ulrich Teusch ist im Frühjahr das Buch mit dem Titel „Der Krieg vor dem Krieg“ erschienen. In Fortsetzung seines Buchs „Lückenpresse“ über die Schieflage der Mainstreammedien analysiert Teusch die in den letzten Jahren mit dem zunehmenden Wettrüsten verstärkt auf uns einprasselnde Kriegspropaganda, mit der militärische Politik in der Gesellschaft durchgesetzt wird.

Teusch hat in seinem neuen Buch auch beschrieben, wie sich der militärisch-industrielle Komplex vor allem in den USA zu einem permanenten Kriegskomplex entwickelt hat, der sich, seine Macht und seine Gewinne unabhängig von der realen Bedrohungslage durch Propaganda und Unterstützung von Konfliktparteien auf aller Welt sichert – und dem das zunehmend gut auch in Europa gelingt. Mediale Strategien stehen im Kern des zunehmend privatisierten Kriegsgeschäfts.

Zum ersten Telepolis-Salon auf der Alten Utting, den wir am 21. Mai zusammen mit dem Westend Verlag veranstaltet haben, haben wir Ulrich Teusch eingeladen und mit ihm diskutiert. Dabei ging es vor allem um die Rolle der Medien und Journalisten. Wir haben die gesamte Veranstaltung mit anschließender Diskussion aufgezeichnet.

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Appelle für schnelle Lösung der Flüchtlingskrise im Mittelmeer

Themenbild. dpa

Außenminister Asselborn fordert neue EU-Seerettungsmission – Barley kritisiert Salvini

evangelisch.de

Europäische Politiker dringen auf eine rasche Lösung der Flüchtlingskrise im Mittelmeer: Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn forderte eine neue EU-Seerettungsmission. „Es ist in der derzeitigen Kriegslage in Libyen unausweichlich, dass Menschen versuchen, über das Mittelmeer aus dem Land zu fliehen“, sagte er der Tageszeitung „Die Welt“ (Sonntag/Online). Die Europäische Union solle daher schnell mit Schiffen der Mitgliedstaaten eine neue Seerettungsmission im Mittelmeer starten, um Flüchtlinge und Migranten vor dem Ertrinken zu retten.

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Rastlos sind wir unterwegs. Wir glauben, zum Vergnügen zu reisen, aber tun es unter Zwang

Von aussen ist den Zelten nichts Besonderes anzusehen. Umso schärfer aber unterscheiden sich ihre Bewohner von campierenden Touristen. (Bild: Carlos Jasso / Reuters)

Die Ruhelosigkeit der Gegenwart ist ohne jedes Mass. Nie wurde mehr geflogen, nie mehr gereist. Und nie flohen mehr Menschen. Ist daraus etwas zu lernen?

Roman Bucheli | Neue Zürcher Zeitung

Neuerdings sieht man auf den Rasenstreifen an den Pariser Ausfallstrassen Zelte. Es sind Flüchtlinge, die hier campieren, unterwegs von irgendwoher, unterwegs irgendwohin; vielleicht sind sie gestrandet, vielleicht warten sie auf Arbeit oder auf eine Reisegelegenheit. Wer weiss, ob sie morgen schon nach irgendwo zurückgeschafft werden. Um in Wochen- oder Monatsfrist wieder an derselben Stelle anzulangen.

Immer schon gab es im Bois de Boulogne einen Campingplatz, und wer Glück hat und an der Wasserfront einen Platz ergattert, sieht auf die träge fliessende und still stinkende Seine hinunter. Ein kurzes Stück flussaufwärts donnert es von der sechsspurig befahrenen Brücke hinüber nach Suresnes, am gegenüberliegenden Ufer dröhnt der Verkehr über den Quai Gallieni. Viel billiger übernachtet man nirgends in Paris.

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Falscher Arzt, echter Mörder: Jean-Claude Romand geht ins Kloster

Ein Vierteljahrhundert saß er hinter Gittern – wegen fünffachen Mordes. Jetzt will Jean-Claude Romand ins Kloster. Und der Abt von Fontgombault hat nichts dagegen. Es wäre nicht das erste Mal, dass seine Klostermauern einen Mörder beherbergen. Doch es gibt scharfe Kritik.

Von Cornelius Stiegemann | katholisch.de

Alles begann mit einer kleinen Notlüge. Ja, auch die Geschichte eines der entsetzlichsten Mordfälle der jüngeren Geschichte Frankreichs. Jean-Claude Romand war nämlich durchgefallen. Er hatte die wichtige Prüfung im zweiten Semester einfach nicht geschafft. Doch seine Eltern setzten große Hoffnungen in das Medizinstudium ihres Sohnes. Da log er. Natürlich habe er bestanden. Selbstverständlich könne er sein Studium ohne Probleme fortsetzen.

Das konnte er aber nicht. Denn ohne diese Prüfung absolviert zu haben, konnte er nicht weiterstudieren. Konnte er kein Arzt werden. Deshalb meldete sich Romand im nächsten Jahr noch einmal für die gleiche Prüfung an. Doch er ging nie hin. Im darauffolgenden Jahr wieder. Und wieder erschien er nicht zur Klausur. Das wiederholte sich von da an Jahr für Jahr. Wenn man ihn allerdings fragte, schilderte er eine Studienlaufbahn aus dem Bilderbuch.

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