Die schleichende Verstaatlichung der Familie


Das vermeintliche Geschenk eines Vaterschaftsurlaubs zum Beispiel soll den Vätern nicht nur mehr Zeit mit dem Nachwuchs ermöglichen, es will sie auch zu braveren Hausmännern umerziehen. (Bild: Gaetan Bally/Keystone)

Der Staat erobert als vermeintlicher Garant von Kinderrechten und Chancengleichheit Schritt für Schritt seinen Platz am Familientisch und mischt sich zunehmend in höchstpersönliche Belange ein.

Claudia Wirz | Neue Zürcher Zeitung

Im modernen Chinesisch setzt sich das Wort für Nationalstaat aus zwei Zeichen zusammen: dem Zeichen für Reich und dem Zeichen für Familie. Das Wort ist wie sein japanisches Pendant eine Schöpfung aus dem 19. Jahrhundert. Schliesslich gab es im alten China das Konzept des Nationalstaates nicht, weshalb auch ein Wort dafür fehlte. Die moderne Bezeichnung für Nationalstaat kommt indes nicht von ungefähr. Sie ist ihrerseits aus alten chinesischen Quellen entlehnt, und sie illustriert das enge Verhältnis zwischen Familie und Staat in der konfuzianischen Kultur.

Nun ist das mitnichten ein Verhältnis, wie es der Vorstellung des Wohlfahrtsstaats europäischer Prägung entspricht. Der Staat ist hier nicht der sich stets Kümmernde, Allwissende und Segenbringende, die Familie nicht die ewig Hilfsbedürftige. Vielmehr wird die Organisation der Familie als Gleichnis für den idealen Staat gesehen. So heisst es – in der Übersetzung von Richard Wilhelm – beim Philosophen Menzius: «Die Wurzeln des Weltreichs sind im Einzelstaat, die Wurzeln des Staates sind in der Familie, die Wurzeln der Familie sind in der einzelnen Person.»

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