Das Volk Gottes wird immer schneller kleiner


Leere Kirchenstühle – hier im Magdeburger Dom.Foto: Rolf Kremming/imago

Erneut ist die Zahl der evangelischen und katholischen Christen gesunken. Ein Überblick über die Geschichte der Kirchenaustritte in Deutschland – und Gründe.

Von Andrea Dernbach | DER TAGESSPIEGEL

Wie haben sich die Zahlen entwickelt?
Im vergangenen Jahr haben noch mehr Menschen die beiden großen Kirchen verlassen als bisher. Die Zahl der Kirchenmitglieder in Deutschland sank von 44,8 Millionen im Jahr 2017 auf 44,14 Millionen. Das sind 53,2 Prozent der Gesamtbevölkerung, 2017 waren noch 54,2 Prozent. Rund 23 Millionen Bundesbürger waren katholisch, 21,14 Millionen evangelisch, wie die katholische Deutsche Bischofskonferenz und die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) mitteilten.
Der Trend ist sehr alt, die Zahl der eingetragenen Christinnen und Christen kennt seit mehr als hundert Jahren nur eine Richtung: bergab. Waren 1910 im Deutschland Kaiser Wilhelms noch praktisch alle Untertanen katholisch oder evangelisch, nämlich 98,3 Prozent, so sackte dieser Anteil in der Weimarer Republik bereits bis 1925 um zwei und bis 1933 um einen weiteren Prozentpunkt. Auf knapp 96 Prozent gingen die Kirchen auch aus dem Krieg hervor – allerdings in einem anderen Verhältnis der Konfessionen als heute. Im Kaiserreich waren etwa zwei Drittel der Deutschen evangelisch, ein Drittel katholisch, 1950 waren nur noch gut die Hälfte Protestanten und 44 Prozent katholisch. Über die Jahrzehnte pendelte sich das Verhältnis ein, mit mittlerweile wieder einem etwas größeren Anteil der katholischen Kirche. Der Schwund traf beide, in Westdeutschland nach den aufgewühlten 1968ern mit Wucht. Waren 1970 nur 6,4 Prozent der Bundesdeutschen nicht Mitglied in einer der großen Kirchen – das war in einem Jahrzehnt bereits eine deutliche Steigerung – so verdoppelte sich dieser Anteil in den nächsten fünf Jahren. Tendenz seither ungebrochen steigend. Inzwischen liegt der Anteil derer, die in Deutschland keiner der beiden Kirchen angehören, bei 53,2 Prozent, erneut ein Rückgang gegenüber den 54,2 Prozent 2017. Das ist allerdings noch weit entfernt von den Zahlen der DDR. Dort gehörten 1986, drei Jahre vor dem Mauerfall, zwei Drittel keiner Kirche an, ein knappes Drittel der Bevölkerung war evangelisch, katholisch 6,5 Prozent. Die Zukunft sieht für die Kirchen eher noch düsterer aus. In einer ersten gemeinsamen Prognose, die die katholische Deutsche Bischofskonferenz und die EKD beim Freiburger „Zentrum Generationenverträge“ in Auftrag gaben, rechneten die Fachleute um den Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen im vergangenen Mai mit einer Halbierung des aktiven Kirchenvolks bis 2060.

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