
Yishai Sarids Roman „Monster“ ist ein fiktionaler Bericht an den Direktor von Yad Vashem. Das Buch schlägt einen Bogen vom Holocaust zur politischen Gegenwart – und rechnet bitterböse mit der israelischen Erinnerungskultur ab.
Von Lena Bopp | Frankfurter Allgemeine Zeitung
Was bedeutet die Erinnerung an den Holocaust den wenigen, die noch leben? Und was macht sie mit denen, die Erinnerung lernen? Yishai Sarid antwortet darauf in seinem Buch „Monster“, das vor allem Leser in Israel im Blick hat, wo diese Erinnerung ein identitätsstiftendes Merkmal ist, mit fast bösartiger Klarheit: Die Erinnerung hält jeden gefangen, und sie macht alle wahnsinnig.
Gleich zu Beginn gesteht der namenlose Ich-Erzähler, er habe in seinem Leben eigentlich etwas anderes vorgehabt und sei in die Holocaust-Forschung nur „aus pragmatischen Gründen“ gelangt. Zur Diplomatenausbildung hatte ihn das Außenministerium nicht zugelassen, und den Job als Iran-Experte für den militärischen Nachrichtendienst wollte er nicht. Als Historiker, so wurde ihm signalisiert, blieben ihm damit nur die Holocaust-Studien – ganz so, als könne es für Historiker, die sich mit etwas anderem beschäftigen, in Israel kein Auskommen geben. Bald bietet der junge Doktorand auch Führungen durch die Gedenkstätte Yad Vashem an. Später kommen Touren durch die Konzentrationslager in Polen hinzu, die rasch zu seiner vornehmlichen Beschäftigung werden, weil sie ihn und seine kleine Familie ernähren. Als Guide von Schülergruppen, denen er in Polen die Maschinerie der Vernichtung erläutert, vergehen seine Jahre.