Scham für die Flugscham


Grafik: TP

Ein Gespenst geht nicht nur um in Europa – nein, nicht erneut das Gespenst des Kommunismus, sondern das der Scham. Und anders als beim Kommunismus haben sich auch keine Mächte zur Hetzjagd gegen dieses Gespenst verbündet.

Jörg Räwel | TELEPOLIS

Vielmehr ist mittlerweile breite Zustimmung und Wohlwollen nicht nur der Mächtigen z.B. zur „Fridays-for-Future“ Bewegung und damit verbundenen moralischen Ansprüchen zu vermerken. Dies wohl auch, weil eine Kritik der Moral selbst oft moralische Empörung hervorruft. Es ist plausibel geworden, etwa Fleischkonsum zu ächten, hingegen Stolz über den praktizierten Veganismus zu empfinden, sich z.B. der Flugreisen zu schämen, hingegen Achtung ob des vergleichsweise mühsamen und teuren Zugreisens zu ernten.

Im Folgenden geht es nicht um die Sache des gesellschaftlich verursachten, aufgrund seiner Geschwindigkeit bedrohlichen Klimawandels. Wir gehen davon aus, dass dieser wissenschaftlich klar belegt ist. Die wissenschaftlich bewiesene Schädlichkeit des CO2-Ausstoßes, etwa durch individuelle Massenverkehrsmittel, Flugreisen oder durch Massentierhaltung soll nicht in Frage gestellt werden. Hinterfragt werden soll aber die Form des Protests, die offensichtlich Hoffnung in Appelle an individuelle Verantwortlichkeit setzt und davon ausgeht, dass eine moralische, also an Achtung und Missachtung geknüpfte Bewertung individuellen Verhaltens positive Effekte zeitigen könnte.

Doch was ist verwerflich daran, festzustellen, dass dann, wenn wir alle achtsamer mit der Umwelt umgehen, wir alle Ressourcen schonender leben, etwa auf Massentierhaltung verzichten würden, wir alle z.B. unnötige Fernreisen vermeiden, lokale Produkte konsumieren, die Welt zu einem besseren Ort machen würden, den die Menschheit bedrohenden Klimawandel vielleicht sogar abwenden könnten? Liegt die Achtung gebietende Stimmigkeit geforderter Verhaltensweisen nicht auf der Hand?

Verwerflich ist an diesen Forderungen die offensichtlich werdende naive, unrealistische Wahrnehmung der modernen Gesellschaft. Verwerflich ist die dabei zutage tretende, am Thatcherismus angelehnte Vorstellung von „Gesellschaft“, bestehend schlicht aus der Summe individueller, selbstverantwortlicher (bestenfalls Familien verpflichteter) Subjekte:

They are casting their problems at society. And, you know, there’s no such thing as society. There are individual men and women and there are families. And no government can do anything except through people, and people must look after themselves first. It is our duty to look after ourselves and then, also, to look after our neighbours.

Margaret Thatcher

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Es ist diese Anschauung von Gesellschaft, eher noch das Verleugnen gesellschaftlicher Strukturen, die auch andere Formen der Scham plausibilisiert. Etwa die Scham für Arbeitslosigkeit oder für den Empfang von Sozialhilfen („Hartz IV“). Werden gesellschaftliche Phänomene, wie hier etwa die Beeinflussung des Arbeitsmarktes durch Rationalisierung und Automatisierung oder etwa Altersdiskriminierung, unterschätzt oder gar negiert, so bleibt nur individuelle Verantwortlichkeit – und Scham im Angesicht individuellen Scheiterns bis hin zur Selbstverleugnung.

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