Transhumanismus: Von der Technikverehrung zur Mythologie


Der Biologe und Philosoph Max Schnetker über den Transhumanismus als Krypto-Religion und Eliten-Ideologie

Matthias Becker | TELEPOLIS

Der Transhumanismus stellt die Überwindung des Menschen mit technischen Mitteln in Aussicht. Ausgangspunkt seiner Hoffnungen und Befürchtungen sind denkende Maschinen, deren Fähigkeiten die von Menschen weit übertreffen sollen. Solche Geräte sind allerdings nirgendwo in Sicht, die erwartete Superintelligenz rein spekulativ und viele transhumanistische Annahmen abenteuerlich – warum verbreitet sich der Transhumanismus dennoch?

Zum ersten Mal begegnet bin ich mit dem Transhumanismus, als ich ziellos durch das Internet stöberte. Meine erste Reaktion war, dass ich die Debatte über die Rachegelüste der kommenden Superintelligenz für eine Satire hielt. Wie war deine erste Reaktion?

Max Schnetker: Bei mir war es anders. Ich kam an der Universität mit transhumanistischen Ideen in Kontakt, allerdings mit ihren sozusagen seriösen Ausläufern, Autoren wie Ray Kurzweil oder Nick Bostrom. Einem unvoreingenommenen Laien wie mir damals konnte der Transhumanismus auf den ersten Blick als seriöse Wissenschaft erscheinen, mit akademisch anmutenden Publikationen und Instituten wie dem Machine Learning Research Institute oder der Singularity University. Je mehr ich mich dann eingelesen habe, umso erschreckender fand ich die transhumanistischen Ideen. Schließlich wurde mir klar, dass sich diese Strömung nur mit den Mitteln der Ideologiekritik begreifen lässt.

Aus diesem Grund hast du vor kurzem eine Studie mit dem Titel „Transhumanistische Mythologie“ veröffentlicht. Aber lass uns erst einmal ein paar Grundlagen zum besseren Verständnis legen. Der Transhumanismus ist eine Bewegung, die vor allem in den Vereinigten Staaten aktiv ist und von der sogenannten Künstlichen Intelligenz (KI) eine grundlegende gesellschaftliche Veränderung erwarten. KI wird sich angeblich ab einem bestimmten Zeitpunkt – der sogenannten Singularität – permanent erweitern und optimieren. Sie markiert sozusagen den Takeoff der rekursiven Selbstoptimierung.

Max Schnetker: Transhumanisten glauben, dass mit der Singularität eine Superintelligenz entstehen wird. Weil deren Intelligenz angeblich exponentiell anwachsen wird, wird sie uns Menschen schnell in einem nicht mehr nachvollziehbaren Maß überlegen sein. Häufig vergleichen Transhumanisten den Unterschied zwischen ihr und uns mit dem zwischen einem Menschen und einer Maus oder einem Insekt. In den Debatten dient diese Annahme häufig dazu, kritische oder skeptische Einwände abzuwehren, weil wir uns die Handlungsmöglichkeiten der kommenden Superintelligenz einfach nicht vorstellen können. Sie ist geradezu allmächtig, letztlich verhält sie sich zu uns wie ein Gott.

Das klingt tatsächlich nach einem kniffligen theologischen Problem. Die Ratschlüsse der Superintelligenz sind für uns Sterbliche unergründlich …

Max Schnetker: Gleichzeitig sind wir es, die dieses höchste Wesen schaffen. Wir müssten sicherstellen, dass die Superintelligenz unsere Existenz toleriert, denn sonst wird sie uns an den Rand drängen, so wie wir Menschen einen Ameisenbau planieren, um einen Parkplatz zu bauen. Die Transhumanisten sprechen in diesem Zusammenhang vom Value-Loading-Problem: Wie kriegen wir es hin, dass die KI uns wohlgesonnen bleibt – was schwierig ist, weil sie sich in einem Prozess rekursiver Optimierung selbst programmieren soll, also das eigene Programm fortlaufend verbessert.

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