Schweinefleisch und Kindergarten


Grafik: TP

Ein Kommentar an alle Vaterlandsbewahrer da draußen, die ihren Ausländer-, Fremden- und Islamhass ausgerechnet an Kindergartenkindern austragen müssen

Stephan Anpalagan | TELEPOLIS

Da sind also zwei Kindergärten, die Schweinefleisch vom Speiseplan streichen, damit Kinder unterschiedlichen Glaubens gemeinsam (!) essen können. Also noch einmal zum Mitschreiben: Damit Kinder, unabhängig von Herkunft und Glauben, gemeinsam essen können, streicht der Träger zweier Kindergarten-Einrichtungen Schweinefleisch vom Speiseplan. Es gibt weiterhin Rind, Huhn, Lamm, Ente, Fisch, sonstige Meerestiere und alles andere, was auf Gottes Erden kreucht und fleucht.

Eine Auswahl der Reaktionen:

– Die BILD titelt „Kita streicht Schweinefleisch für alle Kinder“. Und das Schlimmste: „Ab sofort sind auch Gummibärchen verboten.“ Da man nach Walter Lübcke mittlerweile weiß, wie der Pöbel reagiert, drucken die Journalismus-Darsteller aus der BILD-Redaktion noch vorsorglich ein Bild des Kita-Chefs ab und schreiben das Wort „Seelenheil“ in Anführungszeichen. Nach Lektüre des Artikels könnte man meinen, der Chef des freien Kita-Trägers wolle ein Kinder-Guantanamo errichten und die kindlichen Insassen aushungern.

– Die CDU Sachsen, die vor drei Tagen Sozialismus mit Nationalsozialismus verwechselt hat, erklärt das „Verbot von Schweinefleisch für inakzeptabel“. Dabei hat niemand von einem Verbot gesprochen. Wer sein Kind von morgens bis abends mit Schweineschnitzel und Mettbrötchen vollstopfen möchte, darf es gerne tun. Nur der Kindergarten bietet das eben nicht mehr an.

– Bundesernährungsministerin Julia Klöckner, die bisher Lebensmittel-Ampel und Tierwohl-Label verhindert hat, das Containern von Lebensmitteln kriminalisiert und unter deren Ägide weiterhin Ferkel kastriert und Küken vergast werden, meint: „Alle anderen für die Essgewohnheiten anderer, die auch mal gerne Schweinefleisch essen, in Mithaftung zu nehmen, ist nicht förderlich für ein gedeihliches Zusammenleben.“. Ob Nestlès Pferde- oder Schweinefleischabteilung in diese Stellungnahme involviert war, ist nicht bekannt.

– Die AfD schreibt: „Schweinefleisch-Verbot: Leipziger Kita zwingt Kindern halal auf!“. Natürlich hat niemand vor, den Kindern Essen aufzutischen, das halal oder koscher oder sonstwas ist. Aber was soll man sich in religiösen oder kulinarischen Fragen schon mit Einzelheiten auseinandersetzen?

Wobei: Nicht wenige, vielleicht sogar die Mehrheit der Einrichtungen und Kantinen in diesem Land servieren am Freitag Fisch statt Fleisch – und zwar ausgerechnet aus religiösen Gründen. Was das Ganze soll „und warum man diese Tradition pflegen sollte“, erklärt übrigens Käpt’n Iglo (zwinkersmiley). Vielleicht schaut Julia Klöckner ja auch mal vorbei. Fun Fact: Ausgerechnet die AfD hat einen Beitrag über die „heimische Küche“ gelöscht, weil ihr entgangen war, dass das Schnitzel aus Konstantinopel, die Kartoffel aus Südamerika, Sauce aus Frankreich, Würste aus Griechenland und Curry aus Indien stammen. Der AfD-Beitrag endet übrigens mit den Worten: „Liebe Eltern, jetzt seid ihr dran!“ Und natürlich wissen die Eltern, was zu tun ist.

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