Wenn man über Atheismus dilettiert

Bild: Global Atheist

Hier ein neuer Atheismus, dort ein undogmatisches Christentum. Ein unmögliches Paar? Muss nicht sein. Ein Plädoyer für Respekt als Grundlage einer offenen Debatte im Geiste der Aufklärung.

Helmut Reinalter | Tiroler Tageszeitung

Ein in der Tiroler Tageszeitung ausgetragener Streit über den Atheismus zwischen der Biochemikerin Renée Schroeder und dem Theologen Jozef Niewiadomski war unbefriedigend, weil beide zum Teil in polemischer Weise ihre jeweilige Position vertraten und diese zu wenig fundiert haben. Von gegenseitigem Respekt oder Verständnis konnte hier keine Rede sein. Im Kern vertreten nämlich christlicher Glaube und humanistischer Atheismus eine Ethik des menschlichen Zusammenlebens, die wir allerdings bei der fundamentalistischen Spielart des Atheismus und der Religionen nicht finden. Auch wenn der Atheismus die Überzeugung vertritt, dass ein Gott, wie er in allen monotheistischen Religionen angenommen wird, nicht existieren kann, ist der humanistische Atheismus nicht ohne praktische Ethik.

Atheisten engagieren sich für eine humane Gesellschaft, und ihre Überzeugung ist mit Wissenschaft durchaus vereinbar. Das hinter dem aufgeklärten Atheismus steckende Freidenkertum verdeutlicht die kritische Selbstreflexion, das Selbstdenken (Kant), das Tragen von Entscheidungen in Würde, die stark ausgeprägte Eigenverantwortlichkeit und Selbstkritik. Ihre Ethik verfolgt das Ziel, ein gutes, gelingendes Leben anzustreben.

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Die Psychoanalyse erinnert den Menschen an seine Grenzen, die Neurowissenschaft lädt ihn ein, sie zu überwinden

Graphic courtesy of Vimeo, Human Brain Project

Die Neurowissenschaft ist die Leitdisziplin des 21. Jahrhunderts. Sie verspricht dem Menschen Freiheit: Der französische Soziologe Alain Ehrenberg denkt über «Die Mechanik der Leidenschaften» nach.

Oliver Pfohlmann | Neue Zürcher Zeitung

Die Frage, welche Implikationen die Hirnforschung für das Bild hat, das der Mensch sich von sich selber macht, scheint zurzeit schnell beantwortet: Das Bewusstsein, sagt zum Beispiel der amerikanische Neurowissenschafter David Eagleman, sei nur eine Art Beifahrer, so etwas wie eine «Simulation des Gehirns», meint der deutsche Philosoph Thomas Metzinger. Deshalb könnten wir das Konzept Freiheit getrost verabschieden und mit ihm zugleich die grundlegenden Prinzipien des Strafrechts. Denn wo keine Freiheit bestehe, sondern nur neuronale Prozesse herrschten, da, so der deutsche Hirnforscher Gerhard Roth, gebe es natürlich auch keine individuelle Schuld.

Nach der Lektüre von Alain Ehrenbergs neuem Buch über den Aufstieg der Neurowissenschaften im späten 20. Jahrhundert und darüber, was dieser Erfolg über die Gesellschaft aussagt, fragt man sich, ob die zahlreichen diesbezüglichen provokanten Wortmeldungen von Hirnforschern oder dieser Richtung nahestehenden Philosophen nicht primär nur dem Ziel dienten, Aufmerksamkeit zu erwecken.

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The Tricky Problem with Other Minds

Image: NAUTILUS

How our mental states overlap with and diverge from those of other species.

Joseph Ledoux | NAUTILUS

Human “exceptionalism” is for many people an unquestioned assumption. For the religious, it is a God-given fact; for humanists, it is a celebration of our unique mental capacities. No other species has created music, art, literature, or built skyscrapers, or imagined going to the moon and figured out how to go there and how to get back. No other species has found treatments for common illnesses and fatal diseases. We are the only animals that use language to share inner experiences with one another.

Our unique features emerged through changes that made us different from our primate and other mammalian ancestors. The fact is, we continue to change over time. If our species survives long enough, future humans will be different from us, and perhaps new human species, with yet unimaginable capacities, will emerge.

Every species is, by definition, different. We care about our differences because they are ours. But from an evolutionary perspective across the long history of life, our traits are not better or more valuable than those possessed by any other organism.1 They are just different.

One of our purported differences is a source of much debate. And that, of course, concerns the nature of the human mind. To what extent do our mental states overlap with and diverge from those of other species? No one would ever confuse the body of another animal with that of a human. Even our closest primate relatives have bodies that are distinct from ours. Yet we freely attribute mental states similar to those we experience to other animals.

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Spaniens „Verschwundene“: Nur in Kambodscha sind es mehr

Aushebung eines Massengrab im baskischen Elgeta (2004). Bild: Ralf Streck

Fast 40 Jahre nach dem Ende der Diktatur liegen noch über 100.000 Gegner des Franco-Regimes in Massengräbern und Straßengräben

Ralf Streck | TELEPOLIS

Am gestrigen Samstag wurde weltweit der „Tag der Verschwundenen“ begangen, wobei die spanische Variante in der Übersetzung deutlich klarer ist – „Día Internacional de las Víctimas de Desapariciones Forzadas“. Denn die Menschen sind nicht bloß „verschwunden“, sondern man ließ sie mit Gewalt verschwinden. Sie sind „Opfer von gewaltsamem Verschwindenlassen“, wie die wörtliche Übersetzung des spanischen Titels lautet. An diesem von den Vereinten Nationen bestimmten Gedenktag soll an das Schicksal dieser Menschen erinnert werden.

In Spanien ist weitgehend bekannt, wo die Gegner der Franco-Putschisten verscharrt wurden, anders zum Beispiel als im Fall des Dichters Federico García Lorca, der ebenfalls fern jeder Kriegshandlung aus dem Haus gezerrt und ermordet wurde.

Mit 114.000 wird die Zahl der Menschen beziffert, die noch immer nicht identifiziert in Massengräbern verscharrt sind. „Nur in Kambodscha gibt es mehr Verschwundene als in Spanien“, titelte zum Beispiel der Schweizer Rundfunk (SFR) zum Thema. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk verweist auch darauf, dass der Diktator bis heute unangetastet in seinem Mausoleum liegt.

Dieses ließ sich Franco noch zu Lebzeiten von vielen Zwangsarbeitern errichten. Viele haben im sogenannten „Tal der Gefallenen“ ihr Leben dabei verloren und wurden dort gegen den Willen ihrer Angehörigen anonym verscharrt – wie zahllose Republikaner, Anarchisten, Kommunisten, Basken oder Katalanen, die die Republik mit ihrem Leben gegen die Putschisten verteidigt hatten.

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Ist Gott mehr als nur ein Wort? Kann man von Gott reden? Man muss auf jeden Fall darüber reden, was man meint, wenn man es tut

Solange in einer Gesellschaft von Gott die Rede ist, sollte es Leute geben, die kompetent darüber nachdenken, was Reden von Gott bedeutet: Agnus Dei, 1635–1640, Francisco de Zurbarán. (Bild: Museo del Prado Madrid)

Auch in unserer säkularen Welt wird von Gott gesprochen. Zu oft vielleicht. Und vor allem, ohne dass wir eine einheitliche Vorstellung davon hätten, was hinter dem Wort stecken könnte.

Friedrich Wilhelm Graf | Neue Zürcher Zeitung

Gibt es einen Gott? Und lässt sich sein Dasein in vernünftigen, für jedermann einsehbaren Begriffen beweisen? Und falls Gott wirklich existiert – wie lassen sich sein «Wesen» und seine «Eigenschaften» bestimmen? Wie muss man sich das Handeln Gottes denken, etwa als Schöpfer der Welt, der sie erhält und regiert? Wilhelm Traugott Krug, der Nachfolger Immanuel Kants auf dem Königsberger Lehrstuhl für Philosophie und Autor der ersten deutschsprachigen Liberalismus-Geschichte, hat hat diese Fragen im Sinne der kritizistischen Philosophie seines Lehrers Kant beantwortet.

«Gott kommt unstreitig her von gut», schrieb er vor knapp 200 Jahren im Artikel «Gott» des «Allgemeinen Handwörterbuchs der philosophischen Wissenschaften», «bedeutet also das Gute selbst im vollendeten Sinne, das absolut Gute, das Urgut, von dem alles anderweit Gute abhangt, gleichsam der Urquell des Guten. Darum hat man Gott auch das Wesen der Wesen, das höchste Wesen und das allervollkommenste Wesen genannt. Sobald aber diese Idee (die höchste oder erhabendste, die unser Geist überhaupt denken kann) näher bestimmt oder entwickelt werden soll, so geräth der menschliche Geist in die grösste Verlegenheit. Daher darf man sich nicht wundern, wenn auf der einen Seite ein alter Weiser sich immerfort einen Tag Bedenkzeit ausbat, um die Frage ‹Was ist Gott?› zu beantworten, und wenn auf der anderen Seite über das göttliche Wesen nicht nur die tollsten Einfälle vorgebracht, sondern auch die heftigsten Streitigkeiten geführt worden.»

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AfD-Politiker Kalbitz geht gegen Linke-Spot vor

AfD-Landeschef Andreas Kalbitz und Linke-Spitzenkandidat Sebastian Walter.Fotos: Reuters / dpa

Brandenburgs Linke strahlt im Wahlkampf-Endspurt einen neuen Film aus und bezeichnet AfD-Landeschef Kalbitz als Neonazi. Der schaltet ein Anwalt ein. Warum?

Alexander Fröhlich | DER TAGESSPIEGEL

Auf den letzten Metern ihres Landtagswahlkampfes hat sich die Brandenburger Linke etwas besonderes einfallen lassen. Am Donnerstag hatte die Partei noch einmal einen Sendeplatz im RBB-Fernsehen für ihren Wahlkampfspot. Doch anstatt ihren üblichen Film zu zeigen, war nur Spitzenkandidat Sebastian Walter zu sehen.

Auch beim Kurznachrichtendienst Twitter verbreitete die Linke den Film, er ist knapp eine Minute lang. Doch nun hat die Partei Ärger mit Andreas Kalbitz, der Landesparteichef und Spitzenkandidat der AfD hat seinen Anwalt eingeschaltet und geht gegen den Film vor – und gegen die Linke und ihren Spitzenkandidaten Walter.

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Die seltsame EU-Skepsis der kirchlichen Flüchtlingshelfer

„So verständlich der Einsatz der Helfer ist, so merkwürdig ist doch ihr Verständnis von Europa “ schreibt Ricarda Breyton Quelle: Claudius Pflug

Prinzipiell gelten die Kirchen in Deutschland als EU-freundlich. Doch wenn es um die Abschiebung von Kirchenasylflüchtlingen in andere Mitgliedsländer geht, sind sie misstrauisch. Als wäre Deutschland das einzige Land, das Schutz gewähren kann.

Ricarda Breyton | WELT

Die Kirchen in Deutschland sind eigentlich ausgesprochene Europafreunde. Erst im Mai priesen sie die EU als „erfolgreiches Modell für Multilateralismus“, das es gegen Nationalismus zu verteidigen gelte. Es brauche „wieder mehr Vertrauen in den Prozess der europäischen Integration“, schrieben die Vorsitzenden der evangelischen und der katholischen Kirche zur Europawahl. Umso erstaunlicher ist, wie gering dieses Vertrauen zum Teil in den eigenen Reihen ausfällt.

Am Donnerstag hat der Verein „Asyl in der Kirche“ einen offenen Brief an Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) veröffentlicht. Darin kritisieren die Mitglieder die „gegenwärtige Politik des Abschiebens um jeden Preis“. Gemeint ist die Praxis des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF), viele Kirchenasylfälle nicht mehr als Härtefälle anzuerkennen.

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Hitze-Sommer: Dürre hält bereits über ein Jahr an

Bild (1926): Georg Pahl / Bundesarchiv, 102-08112 / CC-BY-SA-3.0

Der Klimawandel schreitet munter voran. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) hat am heutigen Freitag eine vorläufige Auswertung des zu Ende gehenden Sommers veröffentlicht. Für die Meteorologen besteht dieser aus den Monaten Juni bis August.

Wolfgang Pomrehn | TELEPOLIS

Demnach war der Sommer 2019 mit durchschnittlichen Temperaturen von 19,2 Grad Celsius der drittwärmste Sommer seit Beginn regelmäßiger und flächendeckender Messungen 1881. Der wärmste Sommer wurde 2003 registriert, als in Westeuropa bis zu 70.000 Menschen an den Folgen extremer Hitze starben. (Hier ein Link zu einer entsprechenden Studie über die Zahl der damaligen Todesopfer.) In Deutschland lagen die Temperaturen seinerzeit bei durchschnittlich 19,7 Grad Celsius. Der zweitheißeste Sommer war mit 19,3 Grad Celsius 2018.

Hohe Temperaturen bedeuten zugleich verstärkte Verdunstung. Es müsste also mehr regnen, um nicht ein Defizit entstehen zu lassen. Doch genau das ist nach DWD-Angaben passiert. Die seit dem Sommer 2018 anhaltende Dürre hat sich, wie vom DWD schon im Frühjahr befürchtet, in vielen Teilen des Landes weiter verschärft.

Im landesweiten Durchschnitt lagen die Niederschläge 27 Prozent unter dem sonst üblichen. In einem breiten Streifen von Nordrhein-Westfalen bis ins südliche Brandenburg fiel sogar bloß ein Drittel des Solls.

Besonders bemerkenswert war eine extreme Hitzewelle im letzten Juli-Drittel. Vom 24. bis zum 26. Juli wurden täglich an einigen Stationen im Land Temperaturen über 40 Grad Celsius gemessen.

Der bisherige Hitzerekord war 2015 in Kitzingen bei Würzburg mit 40,3 Grad Celsius aufgestellt worden. Dieser Wert wurde im Sommer 2019 gleich 14mal überboten. Am weitesten in Lingen im Emsland, wo das Thermometer auf 42,6 Grad Celsius kletterte.

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Landtagswahlen im Osten: „Die Kirche kann sich nicht raushalten“

Am 1.September werden in Brandenburg und Sachsen neue Landtage gewählt (dpa-Zentralbild / ZB / Patrick Pleul)

Wahlempfehlungen der Kirchen gibt es nicht mehr, aber auch mit Warnungen vor der AfD halten sie sich zurück, vor allem in Sachsen. „Das hat etwas mit einer Scheu vor der eigenen Klientel zu tun“, sagt der theologische Blogger Philipp Greifenstein. Auch Nicht-Positionierung sei eine Positionierung.

Philipp Greifenstein im Gespräch mit Gerald Beyrodt | Deutschlandfunk

Gerald Beyrodt: Am Sonntag wird gewählt in Brandenburg und in Sachsen. In beiden Ländern ist das Abschneiden der AfD Thema und damit steht plötzlich Religionspolitik auf der Tagesordnung. Die AfD bringt Themen wie Moscheebau, Schächtung und Beschneidung in die Landeswahlkämpfe – Themen, die man dort eher nicht so erwarten würde. Ich bin verbunden mit Philipp Greifenstein. Er betreibt das Online-Magazin „Die Eule“ für Kirche, Politik und Kultur“. Er ist Blogger und Journalist. Und er lädt heute zur Podiumsdiskussion „Kirche hat die Wahl“ in Dresden ein. Dort sitzt er in unserem Studio. Guten Morgen, Herr Greifenstein.

Philipp Greifenstein: Guten Morgen.

„Christen erwarten eine Orientierung ihrer Kirche“

Beyrodt: Herr Greifenstein, welche Wahl hat die Kirche denn in Sachsen und Brandenburg?

Greifenstein: Sie hat immer wieder neu die Wahl, wie sie sich zur Tagespolitik und zu größeren politischen Linien positioniert. Mir ist immer ganz wichtig zu sagen, dass eine Positionierung, die auch unpolitisch daherkommt, am Ende auch eine Positionierung ist. Das heißt, die Kirche hat eine Wahl nicht: sich ganz rauszuhalten.

Beyrodt: Wenn Sie es denn täte, sich ganz stark zu positionieren, welche Einfluss hat das heutzutage noch?

Greifenstein: Das ist natürlich regional unterschiedlich. Hier in Sachsen gibt es schon eine signifikante Minderheit von Christen – und Kirchentreuen dazu –, und die erwarten, denke ich, auch zu Wahlzeiten eine Orientierung ihrer Kirche.

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Erstem US-Bischof droht Strafprozess wegen Missbrauchs: Späte Aufarbeitung

Symbolbild Justiz in den USA © Lukasz Stefanski (shutterstock)

Den ehemaligen Bischof von Cheyenne, Joseph Hart, erwartet als ersten US-Oberhirten ein Strafrechtsprozess wegen Kindesmissbrauchs. Der 87-Jährige beteuert bis heute seine Unschuld. Sein Nachfolger im Amt übt Aufklärungsdruck aus.

DOMRADIO.DE

Kurz nachdem Steven Biegler 2017 sein Amt als Bischof der Diözese Cheyenne angetreten hatte, lernte er schnell, wie schwer fest gefügte Wahrnehmungen zu erschüttern sind. Nicht wenige Katholiken in seinem Bistum, das den gesamten US-Bundesstaat Wyoming umfasst, reagierten irritiert auf seine Ankündigung, die innerkirchlichen Ermittlungen gegen seinen überlebensgroßen Vorvorgänger Joseph Hart wegen Kindesmissbrauchs wiederaufzunehmen.

Vorwürfe eines ehemaligen Messdieners

Die Vorwürfe stammen von einem ehemaligen Messdiener, den der heute pensionierte Bischof Ende der 70er Jahre unter seine Fittiche nahm, nachdem dessen Vater die Familie verlassen hatte.

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Sekten-Info NRW warnt vor „Shinchonji“ im Ruhrgebiet

Hände zum Gebet erhoben | Bildquelle: pa/Design Pics
  • Hoher psychischer Druck und soziale Isolation
  • Betroffene wenden sich von Familie und Job ab
  • Sekten-Info-NRW: Etwa 200 Anhänger im Ruhrgebiet

Ann-Kristin Pott | WDR

Die Sekten-Info NRW warnt vor der Gruppe „Shinchonji“. Besonders in der Essener Fußgängerzone würden immer wieder Menschen für eine vermeintliche Umfrage zu den Themen „Glück“ oder „Religion“ von Missionaren angesprochen. Den Namen „Shinchonji“ nennen sie dabei nicht.

Nach dem ersten Kontakt werden die Angesprochenen zu einem Bibelkurs eingeladen. Die ersten Einzeltreffen finden in Cafés statt. Danach folgt dreimonatiger Gruppenunterricht in angemieteten Räumen.

Sekten-Info NRW warnt vor „Shinchonji“

Die Sekten-Info NRW kritisiert, dass die Gruppe unter falschen Vorzeichen missioniere. Betroffene wissen demnach nicht, mit wem sie es zu tun haben. Denn der Name „Shinchonji“ fällt erst im zweiten Bibelkurs, also nach bis zu sechs Monaten. Auf Nachfrage gibt die Gruppe vor, eine freie, christliche Gemeinde zu sein.

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Kalbitz gibt Teilnahme an Neonazi-Marsch zu

AfD-Kandidat Andreas Kalbitz bei einer Wahlkampfrede in Brandenburg. Bild: EPA

Kurz vor der Landtagswahl in Brandenburg tauchen Belege dafür auf, dass Kalbitz 2007 in Athen an einer Demonstration des rechtsextremen Bündnisses „Patriotische Allianz“ teilgenommen hat – und es gibt noch weitere Vorwürfe gegen den AfD-Politiker.

Markus Wehner | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Kurz vor der Landtagswahl am Sonntag in Brandenburg hat der AfD-Spitzenkandidat Andreas Kalbitz zugegeben, dass er an einer rechtsextremen Demonstration im Januar 2007 in Athen teilgenommen hat. Kalbitz habe sich damals zusammen mit 13 Rechtsextremisten in einem Hotel einquartiert, berichtete die Zeitschrift „Der Spiegel“. Dort hatten sie eine Hakenkreuzflagge auf dem Balkon aufgehängt.

Die Zeitschrift bezieht sich auf einen Bericht der damaligen Verbindungsbeamtin des Bundeskriminalamts (BKA) in Athen über die Gruppe. Er war angefertigt worden, nachdem in der Nacht Unbekannte aus „der anarchistischen Szene“, so der Bericht, Molotowcocktails in den Hoteleingang und auf den Balkon geworfen hatten. Die Gruppe aus Deutschland war angereist, um an einer Demonstration des rechtsextremen griechischen Bündnisses „Patriotische Allianz“ teilzunehmen.

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MRT-Kontrastmittel in Cola nachgewiesen

Weil Cola und andere Getränke in Fast-Food-Restaurants mit Leitungswasser angemischt werden, sind sie mit dem Seltenerdmetall Gadolinium verunreinigt – und wahrscheinlich auch weiteren Arzneimittel-Rückständen. © artisteer/ iStock

Nicht lecker: In vielen deutschen Städten finden sich Rückstände des Kontrastmittels Gadolinium in der Cola von Fast-Food-Ketten, wie Tests belegen. Das Gadolinium gelangt in die Getränke, weil diese als Sirup mit Leitungswasser zubereitet werden. Die nachgewiesenen Mengen sind zwar nicht gesundheitsschädlich, deuten aber darauf hin, dass vermutlich auch andere Arzneimittel-Rückstände über das Trinkwasser in Getränke und Lebensmittel gelangen, wie die Forscher berichten.

scinexx

Das Seltenerdmetall Gadolinium wird in der Medizin häufig als Kontrastmittel bei der Magnetresonanz-Tomografie (MRT) eingesetzt. Weil es dabei an eine Trägersubstanz gebunden ist, kann es vom Körper nicht aufgenommen werden, so dachte man bisher. Doch inzwischen haben Studien nachgewiesen, dass zumindest ein Teil des Gadoliniums nach dem Kontrastmitteleinsatz im Gehirn bleibt – mit bislang ungeklärten Folgen. Klar ist dagegen, dass das Gadolinium über Abwässer in größeren Mengen in Flüsse und auch das Trinkwasser gelangt.

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Unterleibsdebatte: Kirche will über Sex, Zölibat und Frauen debattieren

Die katholische Kirche in Deutschland will bei Reformgesprächen ab Frühjahr 2020 in vier Foren die Themen Macht, Sexualmoral, priesterliche Lebensform und die Rolle der Frau in der Kirche diskutieren. Laien sollen dabei eine tragende Rolle spielen.

religion.ORF.at

Unter dem Eindruck des Missbrauchsskandals haben die deutschen römisch-katholischen Bischöfe bereits im Frühjahr einen „verbindlichen synodalen Weg“ zur Erneuerung der Kirche angestoßen. Mit ihm wollen sie Lehren aus dem Skandal ziehen und Vertrauen zurückgewinnen.

Der Startschuss für die eigentlichen Reformgespräche soll Anfang Dezember fallen. Das erste große Treffen ist für das Frühjahr 2020 geplant. Die Regeln wollen Bischofskonferenz und ZdK bis Herbst in einem Statut festlegen. Der Dialog ist zunächst auf zwei Jahre angelegt.

Kleriker und Laien leiten Gespräche

Geleitet werden die Dialog-Gruppen jeweils von einer Doppelspitze aus einem Bischof und einem Laienvertreter. Das bestätigten die Deutsche Bischofskonferenz und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) am Donnerstag auf Anfrage der deutschen katholischen Nachrichtenagentur KNA.

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Dogmatiker: Priesterweihe von Frauen möglich, aber unwahrscheinlich

Wird es einmal Priesterinnen geben? Prinzipiell möglich ist das schon, bilanziert der Münchner Dogmatiker Gerhard Gäde. Dem theologisch Möglichen stünden jedoch andere Faktoren entgegen, die vor allem die Weltkirche beträfen.

katholisch.de

Der Münchener Dogmatiker Gerhard Gäde hält eine Priesterweihe für Frauen prinzipiell für möglich, aber unwahrscheinlich. Papst Johannes Paul II. habe zwar in seinem Apostolischen Schreiben „Ordinatio sacerdotalis“ (1994) die Frauenweihe mit Verweis auf die ausschließlich männlichen Apostel ausgeschlossen, schreibt Gäde in einem Beitrag für die „Stimmen der Zeit“ (Septemberausgabe). Allerdings sei diese Erklärung für viele nicht überzeugend, da Christus etwa nur Hebräer ausgewählt habe. Zudem müssten entsprechende Ausschlussklauseln demnach nur für Bischöfe gelten, da sie die Nachfolger der Apostel darstellten.

Gäde glaubt jedoch nicht, dass ein Frauenpriestertum auf längere Sicht in der Gesamtkirche konsensfähig ist. Viele Katholiken hätten noch ein „überliefertes Frauenbild“ und hingen einer Rezeption der Paulusbriefe an, nach denen Frauen sich unterzuordnen hätten. Zudem habe die Einführung von Priesterinnen sowohl in der anglikanischen als auch in der altkatholischen Kirche zu „starken Zerwürfnissen wenn nicht sogar zu schismatischen Zuständen“ geführt.

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Von wegen Naturkinder in der Steinzeit: Der Mensch hatte schon viel früher erheblichen Einfluss auf die Umwelt als bisher angenommen

Die Waldbrände in Brasilien und hier in Bolivien sind in aller Munde. Doch schon die Jäger und Sammler des späten Pleistozäns beeinflussten mit Feuern die Umwelt. (Bild: Juan Karita / AP)

Für gewöhnlich gilt die Mitte des 20. Jahrhunderts als Zeitpunkt, da der Mensch die Umwelt in grossem Stil zu verändern begann. Eine Auswertung archäologischer Daten aus aller Welt legt jetzt eine ganz andere Datierung nahe.

Esther Widmann | Neue Zürcher Zeitung

Früher war nicht alles besser. Aber zumindest der Mensch war besser zu seiner Umwelt, so die gängige Annahme: Erst mit der Industrialisierung und vor allem im 20. Jahrhundert habe er begonnen, die Umwelt im grossen Stil zum Negativen zu verändern. Es scheint logisch, dass Jäger und Sammler und später ein paar Kleinbauern die Natur weniger belasten als Massentierhaltung, Billigflüge und Fracking. Das ist vermutlich im Grossen und Ganzen auch so. Aber mit einer Studie, für die sie von Kollegen auf der ganzen Welt Daten gesammelt haben, haben Wissenschafter jetzt herausgefunden, dass der Mensch schon viel früher einen erheblichen Einfluss auf die Umwelt hatte als bisher angenommen: Bereits vor 3000 Jahren sei die Erde durch menschliche Aktivitäten substanziell verändert worden, schreiben sie in der Zeitschrift «Science».1 Diese Erkenntnis steht in deutlichem Kontrast zu der Jahreszahl, die für den Beginn des Anthropozäns, also des Erdzeitalters, in dem der Mensch den Planeten verändert, häufig gehandelt wird: 1950.

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Magdeburger Landtag debattiert über Staatsleistungen an Kirche

Bild: tilly

Die Linke in Sachsen-Anhalt hat beantragt, die Staatsleistungen an die Kirche durch eine Einmalzahlung zu beenden. Innerhalb und außerhalb des Parlaments stieß das auf deutlichen Widerspruch. Auch deshalb, weil der Landtag nicht zuständig ist. 

DOMRADIO.DE

Der Landtag von Sachsen-Anhalt hat sich am Freitag mit einem Antrag der Linksfraktion zur Ablösung der jährlichen Zahlungen des Landes durch eine Einmalzahlung befasst. Die Mehrheit aus den Regierungsfraktionen von CDU, SPD und Bündnisgrünen und der Linksfraktion verwiesen den Antrag am Freitag im Landesparlament an den Bildungsausschuss. Die Fraktion der AfD enthielt sich der Stimme.

Parteien im Parlament sind gespalten

Der religionspolitische Sprecher der Linksfraktion, Wulf Gallert, betonte, es handele sich bei seiner Initiative zu den Staatsleistungen nicht um einen „Anti-Kirchenantrag, sondern um einen Antrag zur Umsetzung des Grundgesetzes“. Es gehe nicht um die Einstellung der Zahlungen, sondern um eine Ablösung.

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Tönnies: Rassistisch, aber kein Rassist?

Ein kurzer Blick nach rechts: Clemens Tönnies, Aufsichtsratsvorsitzender des FC Schalke 04 Bild: dpa

Die DFB-Ethikkommission hat entschieden: Clemens Tönnies habe sich rassistisch geäußert, ein Rassist sei er aber nicht. Ist das überhaupt möglich, philosophisch betrachtet?

Johanna Michaels | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Was haben Donald Trump, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika und damit mächtigster Mann der Welt, und Clemens Tönnies, Aufsichtsratsvorsitzender des Fußballclubs Schalke 04 und damit immerhin mächtigster Mann in Gelsenkirchen, gemeinsam? Beide fielen in der letzten Zeit durch Äußerungen auf, die Empörung hervorriefen und gemeinhin als rassistisch bezeichnet wurden.

Trump forderte auf Twitter vier Mitgliederinnen des Kongresses, allesamt dunkler Hautfarbe und allesamt vollwertige Bürger der Vereinigten Staaten, dazu auf, in „ihre Länder“ zurückzukehren und dort Politik zu machen, statt ihn zu kritisieren. Tönnies schlug in einer Rede zum Tag des Handwerks vor, wegen des Klimawandels in Afrika Kraftwerke zu finanzieren, damit die Menschen dort aufhörten, „wenn’s dunkel ist, Kinder zu produzieren“. Jetzt hat die DFB-Ethikkommission verkündet, sie verzichte auf ein Verfahren gegen Tönnies. Dieser habe überzeugend vermitteln können, dass er kein Rassist sei. Auch bei Trump scheut man sich in den Medien oft, ihn als solchen zu bezeichnen.

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«Den» Islam gibt es nicht: Muslime kennen viele Wege zur geistigen Erneuerung

Anhänger eines Sufi-Ordens beten in einer algerischen Moschee. (Bild: Ramzi Boudina / Reuters)

Der Mainstream-Islam ist heute ein Diktat der Politik. Dabei werden Muslime als Opfer fremder Mächte dargestellt – eine Sicht, die sich viele muslimische Communitys längst zu eigen gemacht haben. Das muss sich ändern.

Lamya Kaddor | Neue Zürcher Zeitung

Unter Muslimen hat sich eine geistige Bequemlichkeit eingeschlichen. Statt die Mühen des eigenständigen Denkens auf sich zu nehmen, verweilen zu viele von ihnen in der Bequemlichkeit der Nachfolge. Sie haften sich an die Glaubensdarstellungen der eigenen Familie, der eigenen kulturellen Gruppe oder der Moscheegemeinde, in der sie sozialisiert wurden, ohne dabei freilich vom absoluten Wahrheitsanspruch abzulassen.

Islamexperten haben sich lange darum bemüht, Nichtmuslimen zu erklären, dass es «den» Islam nicht gibt. Viel wichtiger indes wäre es, unter Muslimen selbst diesen Gedanken stärker zu verankern. Islam ist nicht gleich Islam, und wer von der eigenen Vorstellung und Praxis abweicht, ist nicht gleich ein schlechterer Muslim. Den einen «wahren» Islam mag es aus einer göttlichen Perspektive geben, aber kein Mensch kann sich anmassen, ihn ebenfalls zu kennen. Das beanspruchen nur Fundamentalisten, dünkelhafte Gelehrte und blasierte Imame für sich.

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Der alte Todesdrang der Neuen Rechten

Grafik: TP

Wie der Zivilisationsprozess in der sozioökologischen Krise des Spätkapitalismus in rechte Barbarei umzukippen droht. Kleine Psychopathologie der Neuen Rechten

Tomasz Konicz | TELEPOLIS

Die Schicksalsfrage der Menschenart scheint mir zu sein, ob und in welchem Maße es ihrer Kulturentwicklung gelingen wird, der Störung des Zusammenlebens durch den menschlichen Aggressions- und Selbstvernichtungstrieb Herr zu werden. In diesem Bezug verdient vielleicht gerade die gegenwärtige Zeit ein besonderes Interesse. Die Menschen haben es jetzt in der Beherrschung der Naturkräfte so weit gebracht, daß(!) sie es mit deren Hilfe leicht haben, einander bis auf den letzten Mann auszurotten. Sie wissen das, daher ein gut Stück ihrer gegenwärtigen Unruhe, ihres Unglücks, ihrer Angststimmung.

Sigmund Freud, Das Unbehagen in der Kultur

Wer Menschheit sagt, der will betrügen.

Carl Schmitt, 1932, Der Begriff des Politischen

Die Effizienz kapitalistischer Vergesellschaftung, derer sich deren Apologeten rühmen, stellt eine bloße Oberflächenerscheinung dar. Im Kern ist das System irrational, widersprüchlich und hochgradig instabil. Der irrationale, fetischistische Selbstzweck der kapitalistischen Produktionsweise, die blinde und uferlose Akkumulation in der Warenproduktion verwerteter abstrakter Arbeit, wird nur mit rationalen, immer weiter perfektionierten Methoden vorangetrieben.

Irrationaler Verwertungszwang

An der konkreten Oberfläche der Gesellschaft scheint alles im Sinne der funktionellen kapitalistischen Rationalität geregelt zu sein, doch in ihrem real-abstrakten Inneren wird die Mehrwertmaschine durch einen irrationalen Verwertungszwang befeuert.

Diese immer weiter perfektionierte, kalte Effizienz der scheinrationalen kapitalistischen Warenproduktion, die der irrationalen Dynamik des Akkumulationsprozesses des Kapitals unterworfen ist, treibt in einem historischen Prozess auch dessen innere Widersprüche auf die Spitze. Dem Kapital als realabstraktes, nicht konkret greifbaren gesellschaftliches Produktionsverhältnis dient die konkrete Welt – Mensch, Natur, Maschinerie – als Material zur besagten tautologischen Selbstvermehrung durch Lohnarbeit.

Aus Geld soll mehr Geld werden, das wiederum noch mehr Geld produzieren soll – wobei das „Mehr“ letztendlich nur durch Verausgabung menschlicher Arbeitskraft in der Warenproduktion akkumuliert werden kann. Die fetischistische Realabstraktion Kapital verheizt in einem tautologischen, uferlosen Verwertungsprozess konkrete Menschen, Rohstoffe und Energieträger als bloßen Rohstoff, um immer größere Quanta abstrakter Arbeit zu akkumulieren.

Doch zugleich untergräbt dieser durch Marktkonkurrenz durchgesetzte Zwang zur Rationalisierung und Automatisierung der Warenproduktion deren irrationalen Selbstzweck, indem er die Masse verausgabter Lohnarbeit immer weiter abschmelzen lässt. Die Folge ist das Aufkommen einer ökonomisch überflüssigen Menschheit, insbesondere in den unterlegenen Zusammenbruchgsebieten der Peripherie, in den „Failed States“, die die Ursprungsregionen der gegenwärtigen Flüchtlingskrise bilden.

Dieser derzeit zur historischen Reife gelangende innere Widerspruch des Kapitals (sein Drang zur „Entsubstanzialisierung“), der die innere Ursache der gegenwärtigen ökologischen wie ökonomischen Krisen bildet, lässt die dem System innewohnenden destruktiven und barbarischen Momente, die in Zeiten relativer Stabilität und Prosperität latent bleiben, offen zutage treten: Der Destruktionsdrang des Kapitals als unkontrollierbare fetischistische Dynamik, seine Flucht in Selbst- und Weltzerstörung, wird in der gegenwärtigen Krise manifest. Dies nicht nur in ökonomischer, sondern – vor dem Hintergrund der Klimakrise – vor allem in ökologischer Hinsicht.

Die konkrete Welt dient dem Kapital als bloßes Material, um in einem effizient organisierten Verwertungsprozess diese buchstäblich zu verheizen, damit der wesenseigene Wachstumszwang möglichst lange bei zunehmenden ökonomischen und ökologischen Friktionen aufrechterhalten werden kann.

Die Welt mag buchstäblich verbrennen und unbewohnbar werden, Generationen mögen in den Burnout getrieben werden, ganze Regionen mögen ökonomisch kollabieren, doch das Geld, das zu mehr Geld werden muss, ist als unkontrollierbare gesamtgesellschaftliche Dynamik diesen eskalierenden Krisenprozessen gegenüber blind. Es wird – allen Klimagipfeln zum Trotz – damit bis zur Weltzerstörung fortfahren, sollte es nicht bewusst emanzipatorisch überwunden werden.

Ein Überleben der Gattung Mensch ist nur jenseits des kapitalistischen Wachstumswahns denkbar, der letztendlich ein globales System effizienter Ressourcenvernichtung errichtet hat. Das Festhalten am Bestehenden, das im Zerfall begriffen ist, kommt somit einem Suizid nahe, einem Selbstmord aus Angst vor dem Tod des Kapitals.

Globale „Selbstmordsekte“

Nicht nur die „Nebenwirkungen“ der „Entäußerungsbewegung“ des realabstrakten Kapitals sind ökologisch und sozial verheerend, gerade der leere Selbstzweck des Kapitals treibt mit zunehmender Produktivität die konkrete Welt in den sozialen wie ökologischen Kollaps, wie der Krisentheoretiker Robert Kurz ausführte. Dem individuellen Amoklauf auf der Mikro-Bereich entspreche die Gesamtbewegung der widerspruchsgetriebenen Krisendynamik:1

Wenn jedoch der Verwertungsprozess ab Grenzen stößt, wenn die realmetaphysische „Entäußerungs“-Bewegung nicht mehr gelingt und in der realen Welt kein regulärer Aggregatzustand des Kapitals mehr dargestellt werden kann, erscheinen die realen physischen und sozialen Gegenstände als lästige, ja feindliche Umwelt für diese Realmetaphysik. Nicht der leere Selbstzweck des Kapitals, sondern die Welt soll verschwinden, nämlich sich endgültig in das „leere Prinzip“ auflösen. Mit anderen Worten: Dieselbe Logik, die sich der Ebene von individuellen Amokläufern im Mikro-Bereich äußert, lauert auch auf der Makro-Ebene des Gesamtverhältnisses. Kapitalismus ist nicht nur ein schleichendes Weltvernichtungsprogramm durch seine Nebenwirkungen, sondern läuft auf eine finale Vernichtung und Selbstvernichtung durch seine eigenen Institutionen zu. Der subjektlose Vernichtungswille im leeren Zentrum des Kapitalverhältnisses, der sich auf verschiedenen Ebenen in das Zerstörungshandeln von individuellen und institutionellen Subjekten übersetzt, hat sich schon in der Vergangenheit periodisch in den kapitalistischen Gesellschafts- und Weltkatastrophen entladen. Da in der dritten industriellen Revolution die „Entäußerung“ der Wertabstraktion in die reale Welt endgültig an ihre Grenzen stößt, wird zwangsläufig das Weltvernichtungsprogramm ebenso final abgerufen.

Robert Kurz

Der oberflächliche Augenschein, die Reproduktion der spätkapitalistischen Gesellschaften erfolge gemäß rationeller Macht-, Klassen- oder Herrschaftsinteressen, trügt folglich gewaltig. Die Gesellschaft ist unter dem Kapital nur ein rationell organisiertes Mittel, das einen tautologischen, irrationalen Zweck höchstmöglicher Kapitalakkumulation perpetuiert, der – blind gegenüber allen sozialen und ökologischen Folgen seiner Verwertungsdynamik – den Spätkapitalismus immer als eine Form finsterer säkularisierter Religion als eine Art globaler „Selbstmordsekte“ (Robert Kurz) erscheinen lässt.

Der dem Kapital latent innewohnende, in seiner letalen Krise manifest zutage tretende Todestrieb will die Welt ins Nichts überführen, in die gähnende Leere, die die konkrete Substanz der Realabstraktion Wert bildet. Es ist ein subjektloser Nihilismus, der sich krisenbedingt entfaltet: Die Welt soll dem schwarzen Auge der Wertform gleichgemacht werden, das sich im Zentrum des die Welt seit rund 300 Jahren verehrenden Wirbelsturms uferloser Akkumulation toter Lohnarbeit befindet.

Alles, was nicht in die Warenform gepresst und durch Verkauf auf dem Markt verwertet werden kann, wird folglich in Krisenzeiten eher der Vernichtung anheimgegeben, als dass der Zugriff der Weltwertungsmaschine auf Mensch und Natur gelockert würde. Die Vernichtung unverkäuflicher Waren in Krisenzeiten, von Autos, Statussymbolen, bis zu Lebensmitteln, die inzwischen immer öfter auch durch entsprechende rechtliche Regelungen dem Zugriff verarmter Menschen entzogen werden (etwa durch Gesetze gegen das „Containern“), bildet nur den offensichtlichen Ausfluss dieses Selbstvernichtungsdranges.

Hinzu kommt die soziale, in der Tendenz auch physische Vernichtung all jener anwachsenden Menschenmassen, insbesondere in der Peripherie des Weltsystems, die ökonomisch überflüssig sind – und die aus den Zusammenbruchgebieten des Weltmarktes in die Zentren zu fliehen versuchen.

Die dem System innewohnende, durch eskalierende innere Widersprüche angefachte Tendenz zur Selbstzerstörung manifestiert sich inzwischen auf allen Ebenen im Überbau der Wertvergesellschaftung – vom individuellen Amoklauf bis zum abermals drohenden globalen Weltenbrand. Es sind blinde Gewaltausbrüche, in denen der systemische Zug in die Autodestruktion manifestiert, wobei die Täter oftmals in der Grauzone zwischen rechten oder islamistischen Extremismus und manifester psychischer Erkrankung verfangen sind.

Unterm Kapital ist eher das Ende der Menschheit denkbar als das Ende des Kapitals. Die spätkapitalistische Kulturindustrie schwitzt die unbewusste Ahnung der binnenkapitalistisch unlösbaren, sozioökologischen Krisendynamik in einer Flut apokalyptischer Unterhaltungswaren aus, die nicht nur die Filmproduktion, sondern vor allem das Computerspiel als dem technisch avanciertesten Produkt fest dominieren – die Postapokalypse als Setting des Computerspiels ist längst zum Standard geworden.

Neue Rechte: Selbstvernichtung als politisches Programm

Im Folgenden soll argumentiert werden, dass mit der Neuen Rechten sich derzeit in den meisten kapitalistischen Kernländern eine politische Strömung etabliert, die diese krisenbedingte Tendenz des Spätkapitalismus zur Selbstvernichtung zu ihrem politischen Programm erhoben hat. Es ist ein Extremismus der Mitte, der seine Dynamik, seinen evidenten Erfolg der Überführung der eskalierenden sozialen Widersprüche in potenziell genozidale Ideologie verdankt.

Der dem System aufgrund seiner zunehmenden inneren Widersprüche objektiv innewohnende Selbstzerstörungsdrang, er findet somit in Krisenzeiten ideologisch verblendete Subjekte, die ihn im „Überbau“ der spätkapitalistischen Gesellschaften vollziehen, ihn in politische Taten „umsetzen“.

Das Festhalten am bestehenden Wachstumswahn ist angesichts der ökologischen Weltkrise einfach irre. Diese manifest werdende Irrationalität des Systems, der evidente Drang in die Selbstvernichtung, sie spülen auch das entsprechende Politpersonal nach Oben. Schon der erste Augenschein auf die politische Borderliner wie Donald Trump, wie Bolsonaro, Duterte, Strache, Kaczynski, Orbán oder einem Großteil der AfD-Spitze lässt den um sich greifenden gesellschaftlichen Wahn erahnen, der sie trägt. Sie wirken wie gemeingefährliche Clowns, die einem Horrorfilm entsprungen sein könnten.

Die Rechte ist somit das von einer unbewussten Todeslust getriebene politische Subjekt, das unter Aufbietung von Krisenideologie diesen systemischen Weltvernichtungsdrang des Kapitals zu exekutieren bestrebt ist – diese These soll in den kommenden Ausführungen begründet werden. Die Rechte propagiert ein Festhalten am falschen Bestehenden, das krisenbedingt in Auflösung befindlich ist – auch um den Preis des Todes, der Weltvernichtung.

Der besagte Begriff des Extremismus der Mitte, der den durchschlagenden Erfolg der konformistischen Revolte des Faschismus in Krisenzeiten erhellt, kommt zu sich selbst, er tritt offen zutage: Das Verharren im Bestehenden, der Versuch, an Ideologie und Praxis des fossilen trotz Klimakrise Kapitalismus festzuhalten, er führt aus der Systemlogik heraus in die Barbarei, letztendlich in die Selbstvernichtung.

Überall, wo sie an die Macht kommen, setzten Rechtspopulisten und Rechtsextremisten alle Hebel in Bewegung, um die Zerstörung der ökologischen Lebensgrundlagen der Menschheit zu beschleunigen, das Bewusstsein über die Klimakrise zu verwirren und jedwede sinnvollen klimapolitischen Maßnahmen zu torpedieren.

In den USA führt die Trump-Administration einen regelrechten Kleinkrieg gegen die Klimawissenschaft. Brasiliens Rechtsextremist Bolsonaro geht gerade daran, den Amazonas zu vernichten, der als die grüne Lunge der Welt unersetzlich ist für die globale Klimastabilität – und das Fortbestehen der menschlichen Zivilisation. Ohne Untertreibung kann konstatiert werden, dass das Bolsonaro-Regime hier de facto einen ökologischen Vernichtungsfeldzug gegen die Menschheit führt.

In Europa sind es ebenfalls Akteure der Neuen Rechten, die den Klimakollaps vorantreiben. Schon bei ihrem Wahlsieg kündigten Polens Rechtspopulisten an, Initiativen zum Klimaschutz auf europäischer Ebene zu torpedieren – dies in inoffizieller Kooperation mit der industriehörigen Merkel-Regierung.

Die Neue Rechte mag sich zwar der üblichen ideologischen Rationalisierungen bedienen, mit denen die Klimazerstörung legitimiert wird, doch glaubt angesichts der offensichtlichen klimatischen Verwerfungen, der atemraubenden Dynamik des Klimaumschwungs, kaum noch jemand wirklich an diese Parolen. Alle bösartige, binnenkapitalistische Scheinrationalität („Unser Land zuerst!“, „Die Wirtschaft muss brummen!“, „Rettet die Arbeitsplätze!“, „Grenzen dicht!“, „Ausländer raus!“), derer sich Rechtspopulisten und Rechtsextremisten gerne bedienen, fungiert somit nur als ideologische Verkleidung des unbewusst wirkenden irrationalen Aggressions- und Todesdrangs, der in diesem Milieu um sich greift.

Und es sind geradezu krisenbedingt zunehmenden Widersprüche der kapitalistischen Vergesellschaftung, die in all jenen autoritär fixierten Individuen den unbewussten Todesdrang aufkommen lassen, die sich ein Auflehnen gegen die im Sterben lebende Welt nicht vorstellen können.

Manchmal tritt dieser dunkle, unbewusste Todesdrang der neuen Rechten grell zutage – etwa 2018 beim sogenannten Sommerinterview des ZDF mit dem AfD-Führer Alexander Gauland. Als er auf den Klimawandel angesprochen wurde, erklärte der AfDler, dass dieser nicht menschengemacht sei – und man folglich hier „keine Lösungsvorschläge bringen“ könne, da es schon immer Heißzeiten und Eiszeiten gegeben habe. Außerdem könne die Bundesrepublik da ohnehin nicht viel tun: „Wenn Sie sich Deutschland anschauen, dann sind wir für zwei Prozent des CO2-Ausstoßes verantwortlich.“

Der Schutz von Menschen vor dem Klimawandel sei folglich „nicht machbar“, so der AfDler wörtlich. Was Gauland seinen „Volksgenossen“ angesichts der Klimakrise somit de facto ans braune Herz legt, ist die Resignation, es ist letztendlich die für den Faschismus charakteristische Hingabe an den Tod. Wie sehr muss man „sein“ Land insgeheim hassen, um so etwas zu wollen? Die Neue Rechte muss in den Menschen alle Hoffnung zerstören, die drohende Barbarei abzuwenden, um sie zur barbarischen Enthemmung zu konditionieren.

Allein schon der stumpfe Drang zur Regression in den nationalen Mief des 19. und 20. Jahrhunderts, der charakteristisch ist für die geistigen Absonderungen der Neuen Rechten, ist angesichts der globalen Klimakrise nur noch irre.

Diese Absurdität der von Todessehnsucht angetriebenen Ideologie der Neuen Rechten, die einerseits die anachronistische Rückkehr zur Nation propagiert, um dann jegliche wirksamen Klimaschutzmaßnahmen gerade unter Verweis auf die beschränkten Mittel nationaler Politik zu verwerfen, fällt auch kaum einen jener Journalisten und Meinungsmacher mehr auf, die verschiedentlich ein kumpelhaftes Verhältnis zu ihren rechten Partygästen pflegen.

Letztendlich sollen Resignation und Apathie angesichts der ungeheuren Dynamik des Klimawandels geschürt werden, um die Menschen zur Hinnahme des im Zerfall befindlichen Bestehenden, der krisenbedingten Faschisierung, der sich abzeichnenden Barbarei in einer buchstäblich aus den Fugen geratenen Welt zu bringen. Der drohende, genozidale Krieg gegen die künftigen Klimaflüchtlinge des globalen Südens, er kann von der Neuen Rechten des globalen Nordens nur dann durchgesetzt werden, wenn jede Hoffnung auf ein Abwenden der Klimakatastrophe von ihr zerstört würde.

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