„Der Staat muss gottlos sein“


Gegen die Kreuzungen von Kirche und Staat hat Helmut Ortner eine Streitschrift verfasst (imago images / Joker / Hartwig Lohmeyer)

In dem Buch „Exit“ rechnen mehr als 20 Autorinnen und Autoren mit der Religion ab. Deutschland sei noch immer kein säkularer Staat, erklären sie. Herausgeber Helmut Ortner kritisiert im Dlf, dass es eine „große, unabgesprochene Allianz“ zwischen Politik und Kirchen gebe.

Helmut Ortner im Gespräch mit Christiane Florin | Deutschlandfunk

Christiane Florin: Die Religion wurde vor 100 Jahren gezähmt durch die Weimarer Reichsverfassung. Das haben wir gerade gehört. Aber das reicht nicht, sagen Religionskritiker. Der Weg zum wirklich säkularen deutschen Staat ist noch weit. Verschiedene Autorinnen und Autoren, darunter so bekannte Namen wie Hamed Abdel-Samad, Michael Schmidt-Salomon und Ingrid Matthäus-Maier haben nun unter dem Titel „Exit“ eine Abrechnung mit der Religion veröffentlicht. Die Botschaft des tiefschwarzen Buches mit pinkem Titel: Religion verblendet, ja, verblödet, vergiftet. Herausgeber ist der Journalist Helmut Ortner. Er ist jetzt aus Frankfurt zugeschaltet. Guten Morgen Herr Ortner.

Helmut Ortner: Guten Morgen.

„Trennung von Staat und Kirche noch nicht vollzogen“

Florin: Herr Ortner, gestern fand bei Ihnen in Frankfurt auf dem Bahnhofsvorplatz eine ökumenische Trauerandacht für den getöteten achtjährigen Jungen statt, der auf ein Gleis gestoßen und vom ICE erfasst worden ist. Was haben Sie gegen derart öffentlich praktizierte Religion?

Ortner: Gar nichts. Eine kollektive öffentliche Andacht kann Trost spenden, kann Schmerz lindern. Das kann aber auch eine ebenso nicht-kirchliche Zusammenkunft leisten. Es kommt darauf an, dass für die Trauer die richtigen Worte gefunden werden. Und das ist immer ein Zeichen von Humanität, gesellschaftlicher Solidarität und Empathie, unabhängig, ob es ein Priester spricht, die Worte, oder ein Philosoph oder ein Schriftsteller.

Florin: Und warum heißt Ihr Untertitel „Warum wir weniger Religion brauchen“? Was stört Sie an öffentlicher Religion?

Ortner: Wir haben eben den Beitrag gehört. Natürlich gibt es einen Verfassungstext, aber es hapert an der Umsetzung. Die Verfassungswirklichkeit sieht anders aus. Die Autorinnen/Autoren in dem „Exit“-Band beschreiben das deutlich und eindringlich und fordern die konsequentere Trennung von Staat und Kirche. Das heißt, die strikte Beachtung des Verfassungsgebots der weltanschaulichen Neutralität des Staates, die ist immer noch nicht gegeben. Etwa, wir zahlen immer noch die Bischofsgehälter aus dem allgemeinen Steuertopf und im Arbeitsrecht unterlaufen die Kirchen gewisse Standards. Wir haben auch gesehen, dass bei den katholischen Missbrauchstätern die Strafverfolgung nicht das leistet, was ein Rechtsstaat ansteht. Und bis hin zu schwerstkranken Menschen, denen das Recht verwehrt wird, selbstbestimmt zu sterben. All das macht deutlich, dass die Trennung von Kirche und Staat noch nicht in der Weise vollzogen ist, wie ich mir das wünsche und die Mehrzahl der Autoren in dem Band.

weiterlesen