Identitätspolitik: „Eine anti-aufklärerische Mode“


„Aufklärung und Emanzipation bestehen ja gerade darin, dass Differenz anerkannt wird, aber politisch und rechtlich unerheblich ist“, sagt der Sozialpsychologe Harald Welzer. (imago images / fStop Images / Malte Müller )

Statt um soziale Gerechtigkeit dreht sich die Debatte derzeit vor allem um symbolisches Unrecht: um die Beleidigung und Diskriminierung von Minderheiten. Und dieser Diskurs gilt dann auch noch als „links“ und „progressiv“, wundert sich Harald Welzer.

Von Harald Welzer | Deutschlandfunk Kultur

Neulich habe ich mal wieder „Ein Fisch namens Wanda“ angesehen, gedreht 1988 von John Cleese. Da werden unter anderem jede Menge Witze auf Kosten eines Menschen gemacht, der stottert. Kaum vorstellbar, dass man so etwas heute in einem Kulturbetrieb noch machen könnte, in dem jedes einzelne Werk primär nicht mehr auf seine künstlerische Qualität hin betrachtet wird, sondern auf die emotionale Verletzungs- und Irritationsmöglichkeit, die in ihm liegen könnten.

Auch die Warnungen in Kunstmuseen und Ausstellungshäusern, dass man sich wegen expliziter Sprache oder Bilder in Acht nehmen solle, nehmen beständig zu. In all dem kommt zum Ausdruck, dass man jede für die Bildung von Urteilsfähigkeit notwendige Differenzerfahrung für schädlich hält und auf eine Art anästhetischer Kultur besteht, in der nichts Irritierendes mehr gespürt werden darf.

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