Skeptiker versus Progressive: Was die (richtig verstandene) Aufklärung uns gerade heute zu sagen hat


Beide Typen berufen sich auf die Aufklärung, aber beide haben einen anderen Begriff von ihr: die Avantgardisten des Fortschritts und die Praktiker der Skepsis. Erstere haben zurzeit die Nase vorn – aber bringt deren Engagement die Menschheit wirklich weiter? Der junge Voltaire und Diderot hätten da wohl ihre Zweifel.

Hans Ulrich Gumbrecht | Neue Zürcher Zeitung

Kein Tag vergeht mehr ohne öffentliche Scharmützel über die politische Korrektheit, in denen sich ihre Kritiker und Befürworter beleidigen – und immer weiter voneinander entfernen. Nach der neuen Lehre, die längst nicht mehr allein an den Universitäten herrscht, sondern inzwischen selbst in Verwaltung und Privatwirtschaft Einzug gehalten hat, lassen sich ethische Probleme grundsätzlich in zutreffende (oder eben «korrekte») Antworten und folglich in bindende, mit Zwang durchzusetzende Handlungsanweisungen überführen. Man hat tolerant zu sein und divers, egalitär und öko-etatistisch.

Zum Konsens-Repertoire der auf dieser Grundlage vertretenen starken Werte gehören die Betonung kultureller wie geschlechtlicher Identitäten und die Forderung nach ihrer sozialen Anerkennung; ein weitreichender, an Idealen der Gleichheit ausgerichteter Anspruch auf Umverteilung, also die Egalisierung von finanziellem wie kulturellem Kapital; und schliesslich eine Reihe von ökologisch begründeten, meist im Gestus der Selbstbestrafung für zurückliegende Sünden verkörperten Abstinenzregeln, die angeblich das Überleben der Menschheit auf dem Planeten Erde gegen vielerlei Bedrohungen garantieren.

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