Soziale Systeme: Was man aus Kirchenaustritten lernen kann


Der sonntägliche Kirchgang war früher unumgänglich. Heute gibt es immer mehr Kirchenaustritte. Bild: dpa

Niklas Luhmann kritisiert, Geistliche könnten aus Austrittsdokumenten nicht ablesen, wieso sich Menschen von der Kirche abwenden. In einem Aufsatz machte der Soziologe nun einen kühnen Vorschlag.

Von André Kieserling | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Warum gingen, warum gehen die Leute eigentlich in die Kirche? Nicht nur um Gottes willen, so viel ist sicher. Lange Zeit gab es zur Teilnahme am Ritual keine Alternativen. Wer beim Gottesdienst unentschuldigt fehlte, galt als ungläubig, und um den Ungläubigen pflegten die anderen auch außerhalb der Kirche einen großen Bogen zu machen. Kann man so jemandem Geld leihen? Seiner Aussage trauen, wenn er als Zeuge vor Gericht auftritt? Ihn heiraten?

Am Sonntag zur Kirche zu gehen war also schon deshalb sinnvoll, weil es im Alltag viel Ärger ersparte. Noch im Amerika des neunzehnten Jahrhunderts galt die Zugehörigkeit zu den Methodisten als sicheres Zeugnis einer einwandfreien Zahlungsmoral, und also konnte man dieser Kirche auch im Interesse an der eigenen Kreditwürdigkeit beitreten. Die Teilnahme an „geistlichen“ Kommunikationen zahlte sich in „weltlichen“ Handlungszusammenhängen aus. Auf die religiöse Qualität der Teilnahmemotive konnte es unter diesen Umständen nicht ankommen, und auch ihr etwaiges Fehlen wurde nicht immer bemerkt. Denn wo der eigene Glaubenszweifel, offen einbekannt, all jene Probleme erzeugt hätte, da war man gut beraten, ihn für sich zu behalten. Der Unglaube war Privatsache.

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