Pathologie des „Clean Eating“


Bild: pexels.com

Die exzessive Beschäftigung mit gesunden Lebensmitteln und deren Inhaltsstoffen wurde als „Cyberpathy“, als digital übertragene Störung, im Rahmen des „Healthism“ beschrieben

Florian Rötzer | TELEPOLIS

Der Hang, gesund zu leben, um möglichst lange zu leben, scheint viele Menschen immer stärker in den Bann zu ziehen und zu einer Art Religionsersatz zu werden. Es wird zum Lebensstil und zur Identität. Man is(s)t vegan, ohne Gentechnik, ohne Zucker und Salz, keine Milch, laktose- oder glutenfrei, vegetarisch, Low Carb, regional, bio, paläo, keto oder clean. Im Englischen gibt es dafür den Begriff „healthism“, vielleicht am besten als Gesundheitsobsession übersetzt.

Wenn schon kein Fortleben im Jenseits und in der Matrix, dann wenigstens das irdische, an den Leib gebundene Leben so lange wie möglich mit allen verfügbaren Mitteln nach irgendwelchen Regeln und Normen verlängern und fit zu halten. Die Sorge um sich ist die Sorge um den Körper, der gehegt, gepflegt, mitunter auch gequält werden muss, um ihn zu optimieren, auch im Aussehen. Dazu kommt, dass dann wenn Trends entstehen, die Experten gleich am Weg stehen, um sie zu pathologisieren, also sie in ein anderen, aber gleichfalls dem Gesundheitsuniversum angehörenden normativen Kontext zu stellen.

Wenn die einen ihren Körper, in dem sie stecken, in Bewegung halten und mit aufwendigen Übungen gestalten, dann spielt auch hier immer die Ernährung eine Rolle. Hier unterscheiden sich die Kulturen und Ernährungssekten, also wann man wie viel von was seinem Körper zuführen soll und was auf keine Weise gegessen oder getrunken werden darf. Und wie es Sekten so an sich haben, die das Leben ihrer Mitglieder streng mit einer Gut- und Böse-Einteilung normieren, wird diesen suggeriert, dass sie als Avantgarde der Erlösung am nächsten sind. Es breitet sich mit immer neuen wissenschaftlichen Untersuchungen in einer Blase ein riesiges Gebiet des Wissens und der Suche nach Informationen aus, es entstehen Gurus und Experten, Ratgeber und neue Gesetze, die auch viel mit Moral zu tun haben

Das ist auch ein Phänomen bei einer extremistischen Ernährungssekte, die allerdings nur, wie das heute so üblich ist, als loses Netzwerk mit Influencern, Texten, Videos, Bildern und Botschaften existiert. Die Rede ist von Orthorexia nervosa, ein Begriff, den der amerikanische Mediziner Steven Bratman nach dem Vorbild der „Anorexia nervosa“, der Essstörung der Magersucht, geprägt hat. Es soll sich um einen pathologischen Zwang zum gesunden Essen handeln, dem ein Hang zur rigiden Selbstdisziplinierung zugrunde liege, der einhergeht mit dem Gefühl der Überlegenheit über diejenigen, die Junkfood oder einfach das Falsche essen. Man gehört also einer auserwählten Gruppe an, ist Elite und irgendwie gottgefällig (Orthorexia nervosa oder der Zwang, sich „gesund“ zu ernähren).

weiterlesen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.