Überhitzungsmaschine Internet: So scheint es zu sein


Muster: Nachtaufnahme von der stufenförmigen Beleuchtung der Universitätsbibliothek der FU Berlin Bild: euroluftbild.de/Robert Grahn

Der Soziologe Armin Nassehi entdeckt in seinem Buch „Muster“ die Gesellschaft anhand der Digitalisierung neu. Müssen wir das Internet mit anderen Augen sehen?

Jürgen Kaube | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Die Funktion der Technik ist es, zu funktionieren. Wenn sie es nicht tut, haben Zündhölzer, Korkenzieher und Fernbedienungen einfach keinen Sinn. Zwar gibt es Technik, mit der man auch angeben kann, designte Korkenzieher beispielsweise. Aber solange sie den Korken nicht ziehen, bleibt das Vergnügen an ihrem Ausstellungswert begrenzt. Ein Bugatti, der nicht anspringt, ist nur noch ein Auto, aber kein Mobil mehr.

Der Münchner Soziologe Armin Nassehi legt eine Soziologie der Digitaltechnik vor, die sie von Korkenziehern und Automobilen stark abhebt. Anders als klassische Geräte haben für ihn die digitalen Techniken einen Sinnüberschuss. Korkenzieher öffnen Flaschen, Automobile bringen von hier nach dort. Digitale Korkenzieher – sofern es sie schon gibt – und mit Digitaltechnik vollgestopfte Autos hingegen vernetzen, während sie funktionieren, mit vielen anderen Möglichkeiten jenseits ihres primären Zwecks. Sie melden dem Kühlschrank oder dem digitalen Einkaufszettel, dass gerade Weißwein abfließt, halten Trinkgewohnheiten fest, warnen mittels einer Gesundheits-App, sie suchen Parkplätze, zeigen Restaurants an, informieren den Hersteller über die Fahrwege.

Jedes Handeln hat einen solchen Sinnüberschuss. Er ist nur, in soziologischer Sprache, latent. Heißt: nicht sofort zu sehen. Wir gehen über die Straße und verbrauchen dabei Kalorien, legen Strecken zurück, die sich über den Tag hinweg zu irgendeiner Kilometerzahl aufaddieren, sind auf bestimmten Straßen öfter als auf anderen unterwegs, bewegen uns in Gegenden, in denen es nachts unsicher oder lustig ist, überqueren unterschiedlich riskante Kreuzungen.

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