Blutrache unter Tschetschenen oder noch ein Geheimdienstattentat?


Spuren gehen zurück in das Pankisi-Tal. Bild: Aleksey Muhranoff/travelgeorgia.ru/CC BY-SA-3.0

Am 23. August 2019 wurde der georgische Staatsbürger tschetschenischer Abstammung Zelimkhan Khangoshvili in der Parkanlage „Kleiner Tiergarten“ in Berlin-Moabit durch Kopfschüsse ermordet

Gerhard Piper | TELEPOLIS

Das Mordopfer war eine schillernde Figur: Islamist, Unabhängigkeitskämpfer und Geheimdienstler. Der Tatverdächtige Wadim S. ist russischer Staatsbürger tschetschenischer Abstammung. Nun spekuliert man in der Presse über die Hintergründe der Tat: Blutrache unter Tschetschenen, Abrechnung im Bereich der Organisierten Kriminalität oder Auftragsmord des russischen Geheimdienstes?

Mordanschlag in der deutschen Hauptstadt

„Zelo Dishani“ alias „Tornike Kavtaradze“ alias Zelimkhan Khangoshvili (andere Schreibweise: Selimchan Changoschwili) (die Identität ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht abschließend geklärt) war georgischer Staatsbürger tschetschenischer Abstammung und gehörte somit zur ethnischen Gruppe der Kisten. Er stammte aus dem Dorf Duisi in der Pankisi-Schlucht.

Nach einem gescheiterten Mordanschlag im Mai 2015 flüchtete er mit seiner Familie zunächst über die Türkei und Polen in die Ukraine. Dort arbeitete er rund ein Jahr lang gegen den russischen Einfluss. Nachdem auch hier ein Attentat auf ihn scheiterte, flüchtete er Ende 2016/Anfang 2017 nach Deutschland. Im Januar 2007 stellte er einen Asylantrag. Der Vorsitzende der Deutsch-Kaukasischen Gesellschaft (DKG), Ekkehard Maaß, unterstützte damals das Asylbegehren durch einen Brief an das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF): Man möge doch Khangoshvili „besonders schützen“ und ihn nicht dort unterbringen, „wo er für den langen Arm Putins erreichbar ist.“ Dennoch wurde der Asylantrag bereits im März 2017 abgelehnt. Somit war Khangoshvili ausreisepflichtig und sollte eigentlich abgeschoben werden.

Zunächst wohnte er in Brandenburg, seit Herbst 2018 in Berlin. Hier lebte er mit einer „Schutzidentität“. Bis zum Jahr 2018 wurde er von den Berliner Sicherheitsbehörden als islamistischer „Gefährder“ geführt. Die Szene der tschetschenischen Islamisten in der Hauptstadt wird auf rund 80 Personen geschätzt. In der Presse wurde darüber spekuliert, dass er möglicherweise Verbindungen zur Organisierten Kriminalität hatte, jedenfalls sind nicht wenige Mitglieder der tschetschenischen Diaspora in Berlin in Drogen- oder Waffengeschäfte verwickelt, wie das Bundeskriminalamt im Mai 2019 warnte. Was Zelimkhan Khangoshvili in Berlin gemacht bzw. wovon er gelebt hat, wurde nicht bekannt.

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