Sozialanthropologin: „Kinderlose Frauen werden als Verräterinnen abgestempelt“


„Bevölkerungsschwund“ oder „Überbevölkerung“: Bilder wie diese sind Teil einer schizophrenen Bevölkerungspanik, sagt IWM-Chefin Shalini Randeria.Foto: IWM/KlausRanger

Politiker nutzen Debatten über Geburtenraten, um Fantasien wie die Angst vor einem „Bevölkerungsaustausch“ zu kreieren – oft auf Kosten von Frauenrechten, sagt Shalini Randeria

Interview Karin Krichmayr | DERSTANDARD

Sie hat Pässe aus Indien und den USA, Kenntnisse in sieben Sprachen und ist weltweit an Universitäten und in wissenschaftlichen Organisationen tätig. Die Sozialanthropologin Shalini Randeria nimmt sich auch in ihrer Forschung stets globaler Themen an: soziale Bewegungen, postkoloniale Gesellschaft, transnationales Recht, ökologische Gerechtigkeit. Seit 2015 ist sie Rektorin am Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) in Wien. Derzeit forscht sie zu Reproduktion und Bevölkerungspolitik – und was das mit Demokratie zu tun hat.

STANDARD: Wenn von Geburtenraten die Rede ist, geht es schnell auch um die Sorge des „Aussterbens“ einer gewissen Bevölkerung. Rechte schüren immer wieder Ängste vor einem „Bevölkerungsaustausch“. Sie sprechen in diesem Zusammenhang von Bevölkerungspanik. Wie meinen Sie das?

Randeria: Ich spreche von demografischer Panik, weil in verschiedenen Ländern auf unterschiedlichste Weise mit Bevölkerungswachstum bzw. -schwund Panik gemacht wird. Während man mit der sogenannten „Überbevölkerung“ in Ländern Afrikas oder Südasiens hier wie dort Ängste schürt, werden in einigen osteuropäischen Ländern sinkende Geburtenraten für den „Bevölkerungsschwund“ verantwortlich gemacht und Gegenmaßnahmen auf Kosten von Frauenrechten gesetzt. Den Begriff „Bevölkerungsaustausch“ mit seinen rassistischen Untertönen und der Fantasie einer vermeintlich „reinen“ Herkunft hört man nicht nur hierzulande, sondern auch in Frankreich oder bei den „White Supremacists“ in den USA. Diese suggerieren das Bild, dass das Boot zwar zu voll sei, aber nicht genug Europäer oder weiße Amerikaner darin säßen – eine schizophrene Sichtweise, die Hans Magnus Enzensberger als demografische Bulimie bezeichnet hat.

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