«Den» Islam gibt es nicht: Muslime kennen viele Wege zur geistigen Erneuerung


Anhänger eines Sufi-Ordens beten in einer algerischen Moschee. (Bild: Ramzi Boudina / Reuters)

Der Mainstream-Islam ist heute ein Diktat der Politik. Dabei werden Muslime als Opfer fremder Mächte dargestellt – eine Sicht, die sich viele muslimische Communitys längst zu eigen gemacht haben. Das muss sich ändern.

Lamya Kaddor | Neue Zürcher Zeitung

Unter Muslimen hat sich eine geistige Bequemlichkeit eingeschlichen. Statt die Mühen des eigenständigen Denkens auf sich zu nehmen, verweilen zu viele von ihnen in der Bequemlichkeit der Nachfolge. Sie haften sich an die Glaubensdarstellungen der eigenen Familie, der eigenen kulturellen Gruppe oder der Moscheegemeinde, in der sie sozialisiert wurden, ohne dabei freilich vom absoluten Wahrheitsanspruch abzulassen.

Islamexperten haben sich lange darum bemüht, Nichtmuslimen zu erklären, dass es «den» Islam nicht gibt. Viel wichtiger indes wäre es, unter Muslimen selbst diesen Gedanken stärker zu verankern. Islam ist nicht gleich Islam, und wer von der eigenen Vorstellung und Praxis abweicht, ist nicht gleich ein schlechterer Muslim. Den einen «wahren» Islam mag es aus einer göttlichen Perspektive geben, aber kein Mensch kann sich anmassen, ihn ebenfalls zu kennen. Das beanspruchen nur Fundamentalisten, dünkelhafte Gelehrte und blasierte Imame für sich.

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