Die frappierende Aktualität Adornos selten zitierter Texte


Tiefer, weiter Blick – und die Analyse einer Gegenwart, die noch 50 Jahre entfernt war: Theodor Wiesengrund Adorno, Philosoph und…Foto: akg-images

Alltagskonflikte, Rechtsextremismus, Verrohung. Und die Flucht ins Nationale: Warum gerade jetzt die Lektüre des Frankfurter Soziologen lohnt.

Juljan Krause | DER TAGESSPIEGEL

Als Adorno im Herbst 1949 erstmals seit seiner Flucht aus Nazi-Deutschland wieder Frankfurter Boden unter den Füßen hatte, notierte er in seinem Tagebuch: „Eigentlich gibt es Frankfurt nicht mehr, aber das Leben wirkt normal.“ Die emsig-betriebsame Rückkehr zum Alltag steht in krassem Widerspruch zur Ruinenkulisse der Stadt. Der Aufschwung der 1950er und 1960er Jahre, der die Menschen von den Extremen fort in die sogenannte soziale Marktwirtschaft hinein zu integrieren suchte, führte dann auch zu einer zumindest ökonomischen Befriedung der Gesellschaft. Für Adorno aber vermochten die gefüllten Supermarktregale und der Mittelklassewagen vorm Reihenhäuschen das ungeheuerliche Gewaltpotential bestenfalls zu überspannen, welches unter der Oberfläche der Alltagsökonomie nach wie vor gärt.

Die Spielarten des Lachens als Spiegel der Gesellschaft

Der falsche Friede des Alltäglichen, die augenscheinliche Normalität, aus der die Gewalt aber doch immer wieder hervorbricht, sind Kernthemen in der Gesellschaftsanalyse Adornos und machen insbesondere seine weniger beachteten Texte, 50 Jahre nach seinem Tod und 116 Jahre nach seinem Geburtstag am 11. September 1903, aktueller denn je. Das Gesellschaftliche wird für Adorno gerade dort interessant, wo die Ausfallserscheinungen der spätkapitalistischen Ordnung Einblick gewähren in die Maschinerie, die Menschen als gesellschaftskompatibel zurechtstanzt.

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