Krieg beginnt auch in der Lüneburger Heide


Im Unterlüß traf sich eine Bewegung gegen Militarismus und Krieg, die für Ostermärsche kaum erreichbar ist

Peter Nowak | TELEPOLIS

Die Friedensbewegung in Deutschland hat auch schon mal bessere Zeiten erlebt. Die Zahl derer, die sich an Ostermärschen und anderen Kundgebungen und Demonstrationen beteiligen, ist überschaubar geworden, seitdem Deutschland in verschieden Teilen der Welt an Kriegen beteiligt ist Doch es gibt in Deutschland auch eine Strömung der Bewegung gegen den Krieg, die sich bewusst Antimilitaristen nennen.

Am 9. September endet ein einwöchiges antimilitaristisches Camp in Unterlüß, einer kleinen Gemeinde in der Lüneburger Heide. Das Camp fand mitten im Ort statt und alle sahen die Banner mit der Parole „Krieg beginnt hier“. Damit ist das Rheinmetall-Werk gemeint, das seit 1899 in der Heide seinen Sitz hat. Im Wald nur mit einen Drahtzaum abgesperrt, befindet sich auch das Erprobungszentrum Unterlüß, in dem die Kunden der Waffenschmiede ihre Produkte testen können. Die Aufgaben werden so klassifiziert:

Das Erprobungszentrum Unterlüß ist mit seinem 50 Quadratkilometer großen Erprobungsgelände das größte private Test- und Versuchsgebiet in Europa. Für nationale und internationale Kunden führt die Rheinmetall Waffe Munition GmbH umfangreiche Systemerprobungen und Komponentenerprobungen durch. Wehrtechnische Untersuchungen werden in allen Phasen des Produktentstehungsprozesses durchgeführt.

Kernaktivitäten sind dabei die Ermittlung und Überprüfung der technischen Kenndaten, Leistungsgrenzen, der Funktionstüchtigkeit und Zuverlässigkeit sowie der Wartung und Betriebssicherheit. Hierfür stehen eine Reihe modernster Anlagen und Feuerstellungen zur Verfügung.

Aus der Werbung für das Erprobungszentrum Unterlüß

Ein Rheinmetallgästehaus am ehemaligen Zwangsarbeiterlager

Zu den Rheinmetall-Kunden gehört u.a. die Türkei. Die in Unterlüß erproben Waffen kommen gegen die kurdische Selbstverwaltung in Syrien und Teilen der Türkei zum Einsatz. Daher ist die Parole „Der Krieg beginnt hier“ in Unterlüß eben eine Tatsachenbeschreibung.

Auf dem Camp spielte die Beschäftigung mit der kurdischen Selbstverwaltung in Rojava eine große Bedeutung. Daneben ging es auch um die bis heute unaufgearbeitete Zwangsarbeit in Unterlüß. Im Lager Tannenberg, ca. 4. Kilometer vom Rheinmetallwerk entfernt, waren ca. 900 Jüdinnen aus Osteuropa zusammengepfercht. In den letzten Kriegstagen, als die SS schon geflohen war, wurde sie vom regionalen Volkssturm ins KZ Bergen Belsen gebracht, wo viele von ihnen starben. Die Täter lebten weiter im Ort und auch ihre Nachfahren wollen darüber nicht reden. Da müsste man nur hoffen, dass jemand anfängt, dieses Schweigen über die Rolle von „ganz normalen Deutschen“ zu durchbrechen.

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