„Totart“: Kann die Hirnforschung Lahme wieder gehen lassen?


In diesem Saal operieren die Roboter, Kommissarin Odenthal (Ulrike Folkerts) ermittelt gegen Prof. Bordauer (Sebastian Bezzel) Bild: SWR/Sabine Hackenberg

Im neuen „Tatort“ verschwindet ein Querschnittsgelähmter und eine Ärztin wird ermordet. Die Spur führt zu einem Hirnforscher, der wahre Wunder vollbringt. Reine Science-Fiction? Wir haben einen Experten gefragt.

Kais Harrabi | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Herr Prof. Ziemann, der Hirnforscher aus dem neuen „Tatort“, Prof. Bordauer, kann mithilfe von „Platinen“, die er ins Gehirn seiner Patienten verpflanzt, Depression und Demenz heilen, mit einem Chip in seinem eigenen Gehirn kann er angeblich Computer steuern. Auch ein Exoskelett kommt zur Sprache, dass über solch eine Schnittstelle bewegt werden kann. Wie weit ist die Forschung – wie viel davon ist heute schon Realität, wie viel noch Science-Fiction?

Ulf Ziemann: Dieser Bereich der Neuromedizin wird aktuell sehr stark beforscht, und es ist auch schon viel entwickelt worden. Ich spreche jetzt natürlich aus einer klinisch-therapeutischen Perspektive und da zielen die Neurowissenschaften auch hin. Nehmen wir als Beispiel mal einen Patienten, der eine schwer verlaufende Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) hat, wie zum Beispiel Stephen Hawking, der verstorbene Physiker. Oder Menschen nach einem Schlaganfall, die komplett gelähmt sind und nicht mehr kommunizieren können, sogenannte Locked-In-Patienten. Denen können wir mit einem Brain-Computer-Interface die Möglichkeit geben, wieder mit ihrer Umwelt zu kommunizieren. Hierbei werden Elektroden durch einen neurochirurgischen Eingriff auf oder in das Gehirn eingebracht. Diese können elektrische Hirnaktivität messen, und diese Signale können vom Patienten prinzipiell genutzt werden, um zum Beispiel ein Buchstabierprogramm auf einem Computer anzusteuern. Dadurch steigt die Lebensqualität solcher Patienten enorm.

Ein anderer Bereich ist die Tiefe Hirnstimulation. Dabei werden Elektroden tief ins Gehirn eingebracht, die diese Areale dann stimulieren. Das wird zum Beispiel bei Parkinson-Patienten eingesetzt, bei denen die Krankheit sehr weit fortgeschritten ist: die Gliedmaßen sind steif und die Bewegungen zu klein und zu langsam. Durch Stimulation bestimmter Regionen tief im Gehirn können wir diesen Patienten wieder Bewegungsfähigkeit zurückgeben. Momentan werden diese Hirnareale noch dauerhaft stimuliert. Aber man hat herausgefunden, dass es noch viel effektiver ist, wenn man diese Areale als Antwort auf bestimmte Signale stimuliert. Deshalb ist die Neurowissenschaft dabei, Elektroden zu entwickeln, die auch die Hirnaktivität der umliegenden Areale messen können und dann adaptiv stimulieren. Das spart ganz profan auch Akku und Ressourcen.

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