Militärbischof Rink und der gerechte Krieg


Der frühere Pazifist Sigurd Rink votiert für Aufrüstung, militärische Auslandseinsätze und Wehrpflicht

Peter Bürger | TELEPOLIS

Dr. Sigurd Rink übt als erster evangelischer Militärbischof der Bundesrepublik Deutschland sein Amt hauptamtlich aus. Er hat in diesem Jahr ein Buch „Können Kriege gerecht sein?“ vorgelegt. Der Titel setzt ein Fragezeichen hinter den neuen Friedensdiskurs der Ökumene. So hat etwa der Papst im Buchgespräch mit Dominique Wolton bekräftigt: „Kein Krieg ist gerecht. Die einzig gerechte Sache ist der Frieden.“ Diese Feststellung wird hierzulande auch von mehreren evangelischen Landeskirchen sowie in bedeutsamen Entschlüssen der Ökumene auf weltkirchlicher Ebene getroffen.

Transparent ist die Tatsache einer Mitwirkung des Bundesministeriums für das Militärressort bei der Publikation des Militärbischofs. Sigurd Rink schreibt: „Ich danke der Presseabteilung des Verteidigungsministeriums für die sehr genaue Durchsicht des Manuskripts, einen Faktencheck gleichsam. Das heißt nicht, dass wir in allem einer Meinung wären. Das wäre auch seltsam. Aber gewonnen hat das Buch durch die Zusammenarbeit, und Fehler, die sich dennoch eingeschlichen haben, nehme ich getrost auf mich.“

„Selige Kriegsleute“ – Luther als Ahnherr der R2P-Schutzverantwortung?

Eine Annäherung des ehedem pazifistischen Autors an staatsprotestantische Sichtweisen wird deutlich an den rundherum positiven Bezugnahmen auf Martin Luthers Schrift „Ob Kriegsleute in seligem Stande sein können“ aus dem Jahr 1526. Schon viele lutherische Christen hat dieses Werk zur Rechtfertigung von Tötungsakten betrübt – nicht nur wegen seiner grausamen Wirkungsgeschichte in der Geschichte unseres Landes. Stets legitimiert der Reformator allein die tötende Schwertgewalt von ganz oben nach unten – gegen die Untergebenen, denen nur das Erdulden ohne Widerstandsrecht zukommt.

Luther vergleicht die tötende Gewaltausübung des „rechtschaffen[en] und göttlich[en]“ Soldatenstandes im Auftrag der von ihm als rechtmäßig qualifizierten Staatsobrigkeit mit dem vom Mediziner ausgeführten „Werk der Liebe“: „Es ist so, wie wenn ein guter Arzt, wenn die Krankheit so schlimm und gefährlich ist, Hand, Fuß, Ohr oder Augen abnehmen und entfernen muss, um den Körper zu retten.“ Weil Gott ja selbst, wie der Reformator glaubt, der Obrigkeit das Schwert überreicht hat (Römerbrief 13), gilt: „Die Hand, die das Schwert führt und tötet, ist dann auch nicht mehr eines Menschen Hand, sondern Gottes Hand, und nicht der Mensch, sondern Gott henkt, rädert [sic!], enthauptet, tötet und führt den Krieg. Das alles sind seine [Gottes! p.b.] Werke und sein Gericht.“

Sigurd Rink will die aus seiner Sicht überzeugendsten Kapitel der Kriegsschrift Luthers so heranziehen, dass der Reformator zum Ahnherr einer – vorrangig militärisch gedachten – „Schutzverantwortung“ (R2P) werden kann. Man muss zugeben, auf diese Weise hätten lutherische Kriegstheologen in der Geschichte nicht die Abgründe der nationalen und dann völkischen Kriegsdoktrin (zur Sicherung der „Lebensgrundlagen“ des auserwählten deutschen Volkes) betreten können.

Schon auf der evangelischen „Militärseelsorge“-Synode 1957 wurden Zweifel laut, ob man Luthers Schrift dem Soldaten in einer atomar bewaffneten Armee empfehlen darf. Martin Luthers „gerechter Krieg“ (aus Liebe) ist „ein kleiner, kurzer Unfriede, der einem ewigen, unermesslichen Unfrieden wehrt, ein kleines Unglück, das einem großen wehrt“.

Was hat das nun aber mit einem militarisierten Weltgeschehen zu tun, das mittels totalitärer neuer Militärtechnologien den demokratischen Diskurs auf unserem Globus aus den Angeln hebt und in dem ein jeder – wie eh und je – seine geostrategisch und ökonomisch motivierten Militäraktivitäten als „Notwehrakte der Liebe“ deklariert?

Was auch hat die schöne Lutherformel mit all den von Rink besichtigten Kriegsschauplätzen zu tun, die als „kleine, kurze Interventionen“ begonnen haben und regelmäßig zu „unermesslichen“ Endlos-Kriegen ausgewachsen sind? Es gilt, was der Militärbischof so ausdrückt: „Das zum Frieden mahnende Zeugnis der Kirche fruchtet nämlich nur dann politisch, wenn es der komplexen Realität gewachsen ist.“

Ehrliche Mitteilung eigener Ratlosigkeit

Es sei nachdrücklich vermerkt: Militärbischof Sigurd Rink übt sich – fernab von etwaigen Unfehlbarkeitsansprüchen – in größter Demut: „Das Thema [Krieg und Militär] ist kompliziert und brisant. Meine Gedanken mögen manchem falsch und naiv erscheinen. Ich nehme dieses Risiko in Kauf und jede Unzulänglichkeit auf mein Konto.“ „Ist mein eigenes Fundament an Glaubensgewissheiten und Prinzipien stark genug, um eventuellen Versuchungen zu widerstehen? Würde ich als Pragmatiker und Verantwortungsethiker, als der ich mich inzwischen verstehe, klare Grenzen erkennen und benennen […]? Drohen auch meine Konturen zu verschwimmen?“

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