Christliche Identität? Wovon reden wir eigentlich?


Was ist christliche Identität? Barmherzigkeit, Nächstenliebe und Unterstützung für die Armen? Oder ist christliche Identität lediglich Kirche, Kreuz und Sonntag? Oder – seien wir ehrlich – ist sie doch nur eine Abgrenzung vom Islam?

Francesca Polistina | MiGAZIN

Es läuft häufig so: Das Gespräch, in den Politshows oder unter Freunden, landet irgendwann bei schwierigen Themen, egal ob es um den EU-Beitritt der Türkei, den Bau von Moscheen oder die Migration allgemein geht. Man diskutiert heftig, schließlich handelt es sich um aktuelle Fragen, die uns alle betreffen und auch spalten.

Und dann plötzlich fällt sie, die berühmteste Floskel des Identitätsdiskurses, die von rechts bis links verwendet wird: „Europa hat eine christliche Identität“, die es zu verteidigen gelte. Der erste Teil stimmt: das Christentum hat die Geschichte Europas geprägt wie keine andere Religion, die Grenzen Europas entsprechen mehr oder weniger dem Raum des lateinischen Christentums. Und trotzdem ist nicht klar, was mit christlicher Identität genau gemeint ist. Und vor allem, welche Bedeutung diese für die Zukunft Europas haben soll.

Reden wir von christlicher Identität, denken wir meistens an eine homogene, harmonische christliche Welt. Eine, die es nicht mehr gibt: spätestens ab der Reformation, die in den katholischen Ländern wie Italien immer noch misstrauisch gesehen wird, entstanden zwei unterschiedliche Traditionen, die dann auch getrennte Wege gingen – einerseits die Katholiken, andererseits die Protestanten. Diese zwei unterschiedlichen Wege des Christentums sind noch heute zu sehen: nicht nur in der Doktrin (Beispiel Zölibat), sondern auch im Alltagsleben (Beispiel unterschiedliches Sparverhalten der Familien). Sind also die christlichen Wurzel eher katholisch oder eher protestantisch? Oder vielleicht anglikanisch oder orthodox? Wenn man über die christliche Identität Europas in zukünftiger Perspektive redet, ist die Frage gar nicht so irrelevant – aber wahrscheinlich zu dogmatisch, um überhaupt weit und breit diskutiert zu werden.

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