Deutschland sucht den Superbürger


Hochzeitsbankett. Bild: Pixabay License

Frank Walter Steinmeier tat es, Ulf Poschardt auch, Alexander Gauland sowieso und Björn Höcke konnte natürlich auch nicht fehlen – sie alle beteiligten sich an einem neuen Sport, der anscheinend bald olympisch wird: Bürger sein wollen. Um die Marke „Bürgerlichkeit“ wurde zuletzt gestritten, als sei die Herstellerfirma an der Börse notiert. Um was für eine Sorte Bürgerlichkeit geht es hier überhaupt?

Marcus Hammerschmitt | TELEPOLIS

Reden wir hier von der bürgerlichen Klasse, die ab der frühen Neuzeit mit richtig erfolgreichen wirtschaftlichen Startups, dem Bankenwesen und passenden politischen und sozialen Ideen den Adel als herrschende Klasse zu beerben suchte? Und die, kaum dass sie dieses Ziel durch blutige Revolutionen erreicht hatte, die Welt mit dem vollentwickelten Kapitalismus beglückte? Doch wohl eher nicht.

Definition?

Aktuelle Bürger verstehen sich allgemein ungern als Angehörige einer Klasse und denken auch nur mit gemischten Gefühlen an ihre revolutionäre Geschichte; der Bürger mag sich generell nicht gern mit Ideologien und ihrer Kritik auseinandersetzen, was auch nur passend ist, denn er selbst glaubt ja, keine zu haben. Sollte man zusammenfassen, worum es beim aktuellen Kult des Bürgertums eigentlich geht, dann könnte die Zusammenfassung lauten: Der Bürger definiert sich als den normalen Menschen.

Dass dieser normale Mensch weiß, männlich und im Fall des deutschen Bürgers natürlich Deutscher ist, versteht sich von selbst; man will ja die gute, alte Normalität sehen, wenn man in den Spiegel schaut. Freilich kommt es für den Bürger darauf an, zu welcher Geschmacksrichtung von Bürgerlichkeit er sich bekennt. Die Medien- und die Linksliberalen haben mal ein Buch gelesen, kennen drei Sprüche von Hannah Arendt, zwei Grundgesetzartikel und lassen öfter den Schlips weg.

Die Wirtschaftsliberalen sehen sich als Leistungsträger und finden Demokratie gut, so lange sie ihren Geschäften nützt; wenn diese Geschäfte ungezählte Leichen zur Folge haben, dann ist das eine bedauerliche Notwendigkeit.

Und neuerdings tritt eine weitere Sorte Bürger an, oder, man könnte auch sagen, sie spukt herum: die Nazis in Schlips und Kragen, wie es sie nach der Nazizeit schon einmal gab. Damals mussten sie ihre vergangenen Verbrechen vertuschen; ihre Enkel und Urenkel bereiten neue vor, wollen aber auch dabei fesch dastehen – man könnte hier schon von einer gewissen Spiegelsymmetrie sprechen.

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