Wir haben den Planeten mit seinem stabilen, milden Klima in ein neues Erdzeitalter geführt: das Anthropozän


Paul Crutzen mit den Formeln, die darlegen, wie es in höheren Schichten der Atmosphäre zum Ozonabbau kommt.(Bild: Volker Steger / SPL / Keystone)

Schon einmal hat der Chemienobelpreisträger Paul Crutzen uns vor einer Katastrophe bewahrt. Er entschlüsselte die Chemie, die zum Ozonloch führte. Jetzt steht die Menschheit vor grösseren Problemen.

Anja Jardine | Neue Zürcher Zeitung

Wer Paul Crutzen an diesem Tag kennenlernt, tut es aus ungewöhnlicher Perspektive. Man sieht einen grauen Schopf, der sich im Nacken lockt und kaum noch die Rückenlehne des Stuhls überragt, auf dem er in der ersten Reihe im Saal des Max-Planck-Instituts für Chemie in Mainz sitzt. Alter und Krankheit haben den 85-Jährigen gebeugt. Vorn an die Wand projiziert erscheint derselbe Mann in jungen Jahren – auffallend auf allen Bildern: dieser wache, lächelnde Blick hinter Brillengläsern. Weggefährten, allesamt selbst Koryphäen ihres Fachs, lassen auf diesem Workshop zu Ehren von Crutzen wichtige Stationen seines Forscherlebens Revue passieren. Es wird ein aufwühlender Nachmittag.

Er habe nicht im Geringsten geahnt, worauf er sich eingelassen habe, als er Ozon zu seinem Forschungsobjekt gemacht habe, hat Crutzen einmal gesagt. Das Spurengas, zumal hoch oben in der Stratosphäre, schien geeignet, um «reine Wissenschaft» zu machen, fern aller irdischen Belange. Schon dem Briten Cornelius Fox war hundert Jahre vor Crutzen aufgefallen, dass es für den Philosophen, Meteorologen und Chemiker «vielleicht kein attraktiveres Subjekt als das Ozon» gebe. – Ozon ist ein Gas, dessen Moleküle aus drei Sauerstoffatomen bestehen. O3. In der Luft zerfallen die Moleküle binnen weniger Tage in biatomaren Sauerstoff. Letzterer (O2) ist geruchlos und lebensnotwendig, Ozon (O3) riecht stechend und ist bereits in sehr geringen Mengen gesundheitsschädlich. Allerdings nur in Bodennähe, der Troposphäre. In der Stratosphäre hingegen – der zweiten Etage der Erdatmosphäre in 15 bis 50 Kilometer Höhe – ist Ozon unabdingbar, weil es das Leben vor ultravioletter Sonnenstrahlung schützt. Hätte es einen Charakter, könnte man es wohl als raffiniert bezeichnen, doppelgesichtig.

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