Keine „Biodeutschen“ und keine „Rassen“ weit und breit


Vom Missbrauch der Biologie und seiner Widerlegung. Die Idiotie rassistischen Denkens: Sie sind so, weil sie so sind

Rainer Schreiber | TELEPOLIS

Es gibt keine menschlichen Rassen, betonen Jenaer Evolutionsbiologen in einer aktuellen öffentlichen Erklärung.

Angesichts des wachsenden Einflusses einer völkisch-rassistischen Denkweise in vielen Ländern muss diesem Thema nach wie vor Aufmerksamkeit gewidmet werden: Von daher erscheint es wichtig, dass führende Leute vom Fach sich explizit gegen den Rassenbegriff verwahren, da er einfach wissenschaftlich falsch ist: Er suggeriert eine Einteilung des Homo sapiens sapiens in angebliche biologische Untergruppen, die sich in Wahrheit politisch und ökonomisch motivierten, moralischen Deklassierungen verdanken.

Die Ergebnisse der Biologen zusammengefasst: Aus ein paar Unterschieden in Hautfarbe, Haartyp etc. ergeben sich weder „Neger“ noch „Arier“ noch sonstige ideologische Fiktionen: Zwei x-beliebige Individuen eines Dorfes weisen eine größere genetische Varianz auf als der Durchschnitt der willkürlich als „Rassen“ abgegrenzten Großgruppen. Menschen sind zuallererst Individuen, dann kulturell und gesellschaftlich geprägte Gruppenwesen. In ihrem sozialen Leben findet der Biologe kein Quentchen Natur vor außer den allgemein menschlichen Eigenschaften, die alle Menschen teilen, daher niemals ihre kulturellen und gesellschaftlichen Unterschiede erklären können.

Kulturelle, politisch-ökonomische und soziale Besonderheiten von menschlichen Gruppen, die sich aus den jeweiligen Erfordernissen und Entwicklungsformen ihres historisch und regional spezifischen Zusammenlebens ergeben, wurden, geschichtlich betrachtet, durch den Rassismus naturalisiert, um zwischen ihnen eine moralische Wertigkeit zu behaupten, die die Ausbeutung und Beherrschung der einen – der dunkelhäutigen „Eingeborenen“ – durch die anderen – die „weißen“ Eroberer – legitimierte: Die „Fremden“ sind und bleiben von Natur aus, was sie sind, weswegen ihre Unterwerfung, Versklavung und Ausbeutung rechtens, ja unumgänglich sind: Was will man mit diesen zu Höherem unfähigen „Untermenschen“ auch sonst anfangen?!

Aber sehen wir uns die Sache mal im Einzelnen an:

Der moderne Rassismus1 nimmt für seine politischen Konstruktionen die offensichtliche Existenz verschiedener äußerlicher Gruppenmerkmale von Menschen – Hautfarben, Augen- und Nasenformen etc. – als Ausgangs-, besser: Anhaltspunkt und fasst sie mit Hilfe der Rassenbiologie des 19. Jahrhunderts zu „Rassen“ zusammen, wobei dabei oft willkürlich Gemeinsamkeiten konstruiert, andererseits Unterschiede für irrelevant erklärt werden.2

Bezüglich dieser diversen Menschentypen wird nun behauptet, dass ihre kulturellen Besonderheiten, die historisch zufällig als dynamische, im Gesamtresultat stets ungeplante gemeinschaftliche Anpassungsleistung an die sie umgebenden Lebensbedingungen entstanden sind3, untrennbar an die jeweiligen äußerlichen Merkmale, Hautfarben etc. gebunden sind. Und zwar dergestalt, dass die Biologie der äußerlichen Unterschiede ein rassisch-biologisches „Wesen“ begründet, das die – zumeist durch die Brille des europäischen Kolonialisten wahrgenommenen – kulturellen Gestaltungs- und Gesellschaftsformen verursacht und limitiert: Die „Anderen“ sind so, weil sie als Asiaten, „Neger“ etc. einfach von Natur aus so sind. Zwischen „ihnen“ und „uns“ gibt es eine unaufhebbare, durch nichts zu überbrückende Differenz, die es rechtfertigt, dass wir „sie“ auch anders behandeln – „sie“ sind schließlich auch nicht wie „wir“! Der ehemalige deutsche Politiker Philipp Rösler bleibt beispielsweise von diesem Standpunkt aus immer ein Vietnamese, obwohl er sich sprachlich und kulturell als durchschnittlicher Deutscher zeigte; die amerikanische Rechte wollte sich vor der Folie ihres rassistischen Weltbilds einfach nicht vorstellen, dass Ex-US-Präsident Barack Obama tatsächlich Amerikaner ist und versuchte immer wieder, seine staatsbürgerliche Herkunft zu bezweifeln. Ein „Schwarzer“ ist in dieser Lesart eigentlich Afrikaner und sonst gar nichts. Die „europäische“ Kultur wird ihm für einen Rassisten immer fremd bleiben müssen, da er als „Neger“ die „Afrikanernatur“ in sich trägt. Was man daran sieht, dass er offensichtlich (auch) afrikanischer Abstammung ist – eine platte Tautologie.

Nun weiß auch hier, wie zu Anfang erwähnt, die Forschung längst, dass sich der Durchschnitt z.B. der Afrikaner vom Durchschnitt der Europäer biologisch weniger unterscheidet als zwei beliebige Individuen innerhalb der jeweiligen Großgruppen: Menschen sind biologisch einfach Menschen und als solche zuallererst Individuen.

Eben diese Irrelevanz äußerlicher Eigenheiten für den Charakter von Kulturen und Gesellschaftsformen vergessen zu machen, war die Leistung des europäischen Rassismus. Rassismus im modernen Sinne trat nämlich erst spät auf; der antike Barbarenbegriff enthielt zumindest immer die Möglichkeit, dass die sogenannten „Barbaren“ durch Bildung und „Zivilisierung“ ins Lager der Römer wechselten. Der koloniale Rassismus sieht dies für die Afrikaner, Indianer etc. nicht vor: Als ideologisches Pendant des kolonialen Imperialismus leitete dessen pseudowissenschaftliches Theoriengebäude aus unterschiedlichen, mehr oder weniger zufälligen äußerlichen Merkmalen, wie sie diverse Großgruppen von Menschen in verschiedenen geographischen Räumen aufwiesen, dauerhafte, die Kultur und Lebensweise bestimmende biologische Grundbefindlichkeiten her, die auch noch auf eine Hierarchie der biologisch-moralischen Wertigkeit hindeuten sollten. In antiwissenschaftlicher Manier wurden moralische Bewertungen, die man mit einem Sammelsurium nicht weiter hinterfragter, vorinterpretierter Beobachtungen, willkürlicher Daten wie „Schädelvermessungen“ und naturalistischer Unterstellungen „bewies“, als Resultat einer sachlichen Betrachtung ausgegeben.

So standen im rassistischen Konstrukt die „weißen“, europäischen Eroberer naturgemäß an der Spitze der „Menschenrassen“, weshalb ihnen die Herrschaft über die „Anderen“, zumeist dunkelhäutigeren Völkerscharen zu Recht zufiel. Die eingebildeten oder wirklichen natürlichen Differenzen sollten eine naturgewollte Hierarchie belegen, die wiederum den Einsatz von Macht zur Sicherstellung der Herrschaft über die „Anderen“ legitimierte: Der Rassismus verrät in seiner gewalttätigen, ausbeuterischen Praxis seine Herkunft aus dem ökonomischen Interesse europäischer Eroberer, die sich an den Ressourcen und der Arbeitskraft der Bewohner anderer, neu entdeckter oder eroberter Weltgegenden schadlos halten wollten, ohne dabei auf das gute Gefühl verzichten zu müssen, dass dies im wohlverstandenen Interesse der Unterworfenen liegt, zumindest aber deren natürlicher Minderwertigkeit angemessen ist.

weiterlesen