Zwischen Klimawandel und Gretamanie


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Die Umweltbewegung muss es schaffen, den Klimawandel in gesellschaftliche Zusammenhänge zu stellen. Sonst drohen weltweite Sondervollmachten und es profitieren kapitalistische Verwertungsinteressen

Peter Nowak | TELEPOLIS

Die knapp 4-minütige Rede der Klimaaktivistin Greta Thunberg vor dem UN-Klimagipfel sorgte für die erwarteten Reaktionen. Ihre Anhänger und das grüne Milieu applaudierten ihr, ohne aber inhaltlich auf ihre Aussagen einzugehen. Die meisten Konservativen und auch die Ultrarechten spotteten oder versuchten wie der CDU-Politiker Friedrich Merz, Thunberg zu pathologisieren.

Besonders drastisch ist die Einlassung des ehemaligen SZ-Karikaturisten Dieter Hanitzsch, der jeglichen Einfluss des CO2 auf das Weltklima leugnet und Thunberg als „geistig gestörtes Kind“ diffamiert. Da will sich wohl einer als Klimaleugnerstreber profilieren.

Zuletzt war es um Hanitzsch ruhig geworden, nachdem er 2018 als Karikaturist von der Süddeutschen Zeitung entlassen worden war, weil eine seiner Karikaturen von vielen als antisemitisch empfunden wurde.

Darf man Thunbergs Rede als verstörend empfinden?

Doch es gibt auch unter den ökologisch Bewegten genügend Personen, die jede kritische Anmerkung an Thunbergs Auftritt als Sakrileg empfinden und die Jugendliche wie eine Heilige behandeln, die man nur andächtig zu bestaunen hat.

Da scheint sich mancher schon verdächtig zu machen, wenn er die kurze Rede als „verstörend“ bezeichnet. Nur ist das doch das beste Adjektiv, das man ihrem Auftritt geben kann. Die Rede sollte doch wohl im Sinne von Thunberg verstören und aufrütteln. Es geht auch völlig fehl, wer da in lobender oder scheltender Absicht Thunberg unterstellt, sie habe eben als Jugendliche ihre Emotionen gezeigt. Natürlich hat sie ihren Auftritt geplant, wie unschwer zu erkennen ist.

Die Dramaturgie bestand darin, dass sie mit einer Anklage begann und direkt die Anwesenden ansprach: „Wie könnt Ihr es wagen?“ Dem schloss sich ein sachlicher, aber sehr allgemeiner Teil an, in der sie sich zur Klimaproblematik äußert und mit einen Wort auch „Klimagerechtigkeit“ erwähnt, um dann wieder mit einer Anklage zu enden. Auffällig war, dass Thunberg, die sich auf die Wissenschaft bezog, keine wissenschaftliche Rede hielt und auch nicht halten wollte.

Sie agierte eher als eine Art Kassandra, als eine Figur, die besonders sensibel auf Einflüsse der Umwelt und Gesellschaft reagiert und den anderen den Spiegel vorhält. Da wird dann von mehr oder weniger Wohlmeinenden gleich eine Diagnose in die Diskussion gebracht, was völlig überflüssig ist.

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