Homosexualität im Vatikan: Schweigen begünstigt Machtmissbrauch


Priester auf dem Petersplatz in Rom: So lange Homosexualität tabuisiert werde, fänden auch Missbrauch und Vertuschung in der Kirche kein Ende, meint Frédéric Martel. (dpa/ Boris Roessler)

In seinem neuen Buch will der Journalist Frédéric Martel aufzeigen, wie stark der Vatikan von der unterdrückten Homosexualität vieler Kirchenmänner geprägt ist. Ihre Kultur des Schweigens habe die Vertuschung vieler Missbrauchsfälle begünstigt.

Frédéric Martel im Gespräch mit Anne Francoise Weber | Deutschlandfunk Kultur

Anne Francoise Weber: Am Donnerstag ist in deutscher Übersetzung ein Buch erschienen, das schon vor einem halben Jahr in anderen Ländern für Aufsehen gesorgt hat – und vor allem im Vatikan. Der Titel lautet „Sodom: Macht, Homosexualität und Doppelmoral im Vatikan“. Geschrieben hat es der Journalist und Soziologe Frédéric Martel, der nun bei mir im Studio ist.

Herr Martel, Sie schreiben in Ihrem Buch, es gehe Ihnen nicht darum, Kardinäle oder Prälaten zu outen – tatsächlich bleiben viele in Ihrem Buch anonym, andere allerdings nennen Sie dann doch ziemlich deutlich beim Namen. Wenn es nun aber nicht ums Outing geht, worum geht es Ihnen dann, wenn Sie über die Sexualität dieser Kirchenmänner schreiben?

Frédéric Martel: Das ist eine sehr berechtigte Frage. Im Grunde geht uns das Privatleben eines Kardinals, eines Bischofs, eines Priesters nichts an. Ob sie nun Priester sind oder nicht – es ist nicht meine Aufgabe, zu sagen, ob sie homosexuell sind. Das ist eine Art Prinzip unter Homosexuellen: Man tut nicht anderen an, was man selbst nicht erleben möchte. Deswegen habe ich mich entschieden, keine Lebenden zu outen. Ich oute lang verstorbene Menschen, weil das Teil der Geschichte ist. Ich oute Menschen, bei denen es schon große Zeitungen auf seriöse Weise getan haben, oder solche, bei denen man durch Missbrauchsskandale erfahren hat, dass sie sich zu – häufig sehr kleinen – Jungs hingezogen fühlen. Aber wichtig ist mir, das System zu outen, zu erklären, nicht die Individuen.

Je homophober, desto eher homosexuell?

Weber: Dieses System trägt bei Ihnen den Namen Sodom, nach der verrufenen Stadt aus der hebräischen Bibel. Sie stellen im Lauf des Buchs 14 Regeln für Sodom auf. Eine davon lautet: Je mehr ein Prälat pro-schwul ist, desto weniger wahrscheinlich ist er selbst schwul, je homophober ein Prälat ist, desto wahrscheinlicher ist er homosexuell. Woher kommt diese verkehrte Welt, warum diese erklärte Homophobie – geht es darum, nur nicht in Verdacht zu geraten, selbst homosexuell zu sein?

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