Niemand stirbt für sich allein


Der Zweite Senat des Bundesverfassungsgerichtes bei einer Verhandlung über Sterbehilfe: Sibylle Kessal-Wulf, Vorsitzender Andreas Voßkuhle, Peter Huber, Johannes Masing und Ulrich Maidowski (v.l.n.r.) Bild: dpa

Das Verfassungsgericht prüft Beschwerden zur Sterbehilfe. Bisher hat die Rechtsprechung die generelle Hilfsbedürftigkeit des Individuums unterschätzt, mahnen zwei Psychiater in ihrem Gastbeitrag.

Martin Teising, Reinhard Lindner | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Seit mit technischen Instrumenten in den Sterbeprozess eingegriffen wird, scheint die Angst vor dem Sterben zugenommen zu haben. Ob und wie gestorben wird, hängt heute nicht mehr nur von der Natur, sondern auch von anderen Menschen und einer als unmenschlich erlebten Medizintechnik ab. Die Befürchtung, am Lebensende von Maschinen abhängig zu sein, die das Leben künstlich und grausam verlängern, weckt den Wunsch, das Sterben genau festzulegen und den Ablauf selbst in der Hand zu halten. Die damit einhergehende Forderung nach der Option des assistierten Suizids hat zu Verfassungsbeschwerden geführt.

Die Legalisierung des assistierten Suzids beträfe nicht nur unheilbar kranke Menschen, denen ein langes Leiden erspart werden soll. Kürzlich wurde ein Arzt gerichtlich bestätigt, der eine Patientin mittleren Alters beim Suizid begleitet hatte, die an einem Reizdarmsyndrom, also an einer psychosomatischen Erkrankung, litt. Dieser Tod wäre bei angemessener therapeutischer Hilfe möglicherweise vermeidbar gewesen.

Der Zweite Senat des Bundesverfassungsgerichtes prüft derzeit Beschwerden gegen das Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung, das in Paragraph 217 des Strafgesetzbuches geregelt ist. Die Beschwerdeführer gehen vom Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen aus: Wenn Betroffene ihren Wunsch zu sterben nicht selbst verwirklichen können oder wollen, sollte ärztliche Hilfe nach ihren Vorstellungen den Suizid ermöglichen. Derzeit untersagt auch die ärztliche Musterberufsordnung der Bundesärztekammer den ärztlich assistierten Suizid. Es heißt dort in Paragraph 17: „Ärztinnen und Ärzte haben Sterbenden unter Wahrung ihrer Würde und unter Achtung ihres Willens beizustehen. Es ist ihnen verboten, Patientinnen und Patienten auf deren Verlangen zu töten. Sie dürfen keine Hilfe zur Selbsttötung leisten.“

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