Die Macht der Kirche


Das Kreuz mit den Religionen

Das Konkordat, ein Relikt aus faschistischer Zeit, wird nie diskutiert. Dabei gibt es jede Menge Gründe dafür.

Gerhard Engelmayer | Wiener Zeitung

Jeden Tag liest man in der Zeitung von unserem säkularen Staat. Das stimmt auch auf dem Papier. In der Praxis sieht die Sache anders aus. Bei offiziellen Anlässen nimmt der Kardinal meist die dritte Stelle im Protokoll ein. In den staatlichen Schulen dürfen anerkannte Religionen ihren Nachwuchs rekrutieren. Dabei hat Religion dort eigentlich gar nichts verloren, ein Relikt der Kirche-Staat-Union aus autoritärer Zeit zwingt uns dazu. Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk diktiert dieser Vertrag sogar Sendungen, deren Inhalt die Kirche bestimmt. Angeblich ist das Konkordat unauflöslich, aber welcher Vertrag ist das schon, wenn die Vertragsgrundlage zerbröckelt?

Anerkannte Religionen sind privilegiert, Nichtreligiöse (säkulare) Bekenntnisse gibt es laut Gesetz einfach nicht. Sogar im erzkatholischen Bayern gibt es „Säkulare Bekenntnisgemeinschaften“. Religiöse Gruppen à la Zeugen Jehovas haben bei uns mehr Rechte als säkulare. Warum? Laut Europarecht sind alle Diskriminierungen – besonders nach der Religion – unzulässig, schon aus diesem Grund ist das Konkordat anfechtbar. Solche Beispiele könnte man ewig fortsetzen, aber niemanden beunruhigt das. Die meisten wissen es nicht, und es wird auch totgeschwiegen, denn was gesendet wird, geht durch die „kleine Zensur“: Der Stephansplatz gibt sein Sanctus, er dirigiert schließlich – mittelbar auch aufgrund des Vertrages – eine eigene ORF-Abteilung, die Religionsabteilung. Diese ist laut mehrmaliger Auskunft nicht nur für alle Religionen, sondern auch (Achtung!) für den Atheismus in diesem Land zuständig. Ihr Leiter ist ein ehemaliger Pastoralassistent.

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