Der Mensch nimmt sich die Tiefsee


In den Tiefen der Weltmeere lagern verborgene Schätze. (Bild: Paolo Pellegrin / Magnum)

Mit den Schätzen aus der Tiefsee nehmen wir uns das letzte unberührte Terrain der Erde. Doch diese Landnahme verläuft anders als alle bisherigen in der Geschichte. Das haben wir auch Elisabeth Mann Borgese zu verdanken, der Tochter von Thomas Mann. Lieber wäre ihr zweifellos gewesen, wir liessen den Meeresgrund in Ruhe.

Anja Jardine | Neue Zürcher Zeitung

Was ausschlaggebend dafür war, den langen Verhandlungsweg durchzuhalten, ist schwer zu sagen. Am Anfang standen Idealismus, die Vision von einer gerechteren und friedlicheren Welt, in der pfleglich mit dem Planeten umgegangen wird. Die Zeit schien reif dafür, Ende der 1960er Jahre. Fest steht auch: Es war Liebe im Spiel –die zum Meer und zu den Menschen, aber auch die zwischen einem Mann und einer Frau. Das Ergebnis jedenfalls ist eindrucksvoll, ein einmaliges Zeugnis der Zivilisation: Ein Grossteil des Tiefseebodens – und damit über die Hälfte der Erdoberfläche – wurde zum gemeinsamen Erbe der Menschheit erklärt. Wenn in naher Zukunft die letzte grosse Landnahme beginnt, geschieht es anders als bei allen bisherigen Inbesitznahmen der Geschichte – dank dem Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen.

Man sieht es dem grünen Koloss nicht an, aber Patania II ist Avantgarde, eine Hightech-Kreuzung aus Kartoffelroder und Staubsauger. Sie ist so stark, dass sie eine mehr als 4000 Meter hohe Wassersäule auf ihren Schultern tragen kann, und gleichzeitig so behutsam, dass sie den Meeresboden kaum aufzuwühlen bestrebt ist, wenn sie mit einem Tempo von 0,3 Metern pro Sekunde irgendwo zwischen Hawaii und Mexiko durch die Finsternis des Pazifiks fahren und Manganknollen einsammeln wird. Das zumindest ist der Plan. Ob der funktioniert, sollte im April 2019 in der Clarion-Clipperton-Zone getestet werden. Patania II sollte 4400 Meter abtauchen, bis auf den Meeresgrund.

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