Missbrauchsverdacht: Wie viel kirchliche „Transparenz“ ist sinnvoll?


Das Kirchenrecht regelt genau, was passiert, wenn ein Priester sexueller Vergehen beschuldigt wird. Doch nicht immer werden die festgelegten Normen von der Kirche eingehalten. Kanonist Heribert Hallermann beschreibt, wie ein Verfahren abzulaufen hat und welche Fallstricke es gibt.

Heribert Hallermann | katholisch.de

Nach der Veröffentlichung der sogenannten MHG-Studie hat die Deutsche Bischofskonferenz noch mehr Transparenz im Umgang mit Missbrauch versprochen. Papst Franziskus droht Bischöfen mit seinem Schreiben „Ihr seid das Licht der Welt“ sogar schwere kirchliche Strafen bis hin zum Amtsverlust an, sollten sie Missbrauchsfälle vertuschen. Wenig im Blick ist derzeit aber die Frage, wie ein des Missbrauchs beschuldigter Kleriker darauf vertrauen soll, dass auch mit ihm gerecht umgegangen wird. Die Bischofskonferenz hat sich zwar für solche Fälle Leitlinien gegeben und auch das Gesetzbuch der lateinischen Kirche, der Codex Iuris Canoici (CIC), enthält entsprechende Normen. Oft werden diese Vorgaben aber nicht (richtig) beachtet.

1. Schädigung des guten Rufes

Sehr oft läuft es so: Wenn dem Bischof eine angebliche sexuelle Belästigung oder ein Übergriff durch einen Priester gemeldet wird, dauert es nur wenige Tage, bis das Bistum den Klarnamen des Beschuldigten sowie den Tatvorwurf öffentlich bekannt gibt. Der Beschuldigte wird zudem mit sofortiger Wirkung von allen seinen Ämtern beurlaubt. Schon dieser Begriff „beurlauben“ ist kirchenrechtlich völlig unklar: Darf das Amt als Pfarrer nicht mehr ausgeübt werden? Dürfen überhaupt keine priesterlichen Funktionen mehr ausgeübt werden? Oder, wenn ja, eventuell nur hinter verschlossenen Türen? Zudem wird eine solche Entscheidung oft nur mündlich mitgeteilt, ohne Zeugen. Es gibt kein Dekret, das man anfechten könnte. Rechtsmittel sind somit ausgeschlossen. Und im Zweifelsfall kann sich ein Bischof immer auf ein Missverständnis berufen. Rechtssicherheit und Vertrauensschutz sehen anders aus.

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