Der türkische Präsident weckt in Syrien vergangen geglaubte Geister


Kurdische Frauen heben die Hand zum Victory-Zeichen bei einer Protestkundgebung gegen ein türkisches Eingreifen in ihrem Gebiet im Norden Syriens. (Bild: AP)

Die Kurden fühlen sich einmal mehr von den Amerikanern verraten. So einfach ist die Geschichte zwar nicht. Trotzdem wäre ein türkischer Einmarsch in Nordsyrien verheerend.

Inga Rogg | Neue Zürcher Zeitung

Von Henry Kissinger stammt der berühmte Satz, verdeckte Operationen sollten nicht mit Missionstätigkeit verwechselt werden. Gesagt hat er ihn 1975, nachdem Washington den Kurden im Irak die Unterstützung entzogen und die Aufständischen damit auf Gedeih und Verderb dem irakischen Regime ausgeliefert hatte. Es war nicht das erste Mal und sollte nicht das letzte Mal sein, dass die Amerikaner die Kurden im Stich liessen. Als Saddam Hussein Ende der achtziger Jahre Giftgas einsetzte und Zehntausende von Kurden in Massengräbern verscharrte, schauten die Amerikaner (und die Europäer) nicht nur tatenlos zu, sondern machten gegen besseres Wissen Iran dafür verantwortlich. Nach dem Golfkrieg 1991 rief die damalige Regierung die Unterdrückten des Iraks zum Aufstand auf, nur um die Kurden – und noch mehr die Schiiten – dann schutzlos der Mordmaschinerie des Despoten zu überlassen. Begonnen hatte der Sündenfall des «Verrats» aus kurdischer Sicht jedoch viel früher: Nach dem Ersten Weltkrieg, als sie im Vertrag von Lausanne 1923 um einen vermeintlich versprochenen eigenen Staat gebracht wurden.

Abgesehen vom Zynismus angesichts der Giftgaseinsätze war die Geschichte weitaus komplexer, als diese Auflistung nahelegt. Dazu zählen nicht nur die geopolitischen Verhältnisse der jeweiligen Zeit, sondern auch die Tatsache, dass es unter den Kurden immer verschiedene politische Strömungen gab, die unterschiedliche Interessen verfolgten. Historische Fakten sind freilich das eine, ihre Interpretation das andere.

weiterlesen