Kreationismus: Ihre Welt ist erst 10 000 Jahre alt – auf Exkursion mit Leuten, die die Bibel wörtlich nehmen


Kreationisten suchen in der Pflanzenwelt im Berner Oberland die «Handschrift Gottes». (Bild: Joël Hunn / NZZ)

Evangelikale Christen geraten durch ihre Interpretation der Bibel in fundamentalen Konflikt mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen. Der Versuch, die Widersprüche aufzulösen, treibt absurde Blüten, wie sich bei einer Wanderung mit Kreationisten im Berner Oberland zeigt.

Simon Hehli | Neue Zürcher Zeitung

«Die Sintflut, das muss die Sintflut gewesen sein!» Als ein Mann das Stichwort gibt, lächelt Martin Ernst. Und antwortet: «Ja, das würde uns Christen gefallen, wenn die Sintflut alle Antworten liefern könnte.» Der Doktor der Geologie hat ein paar Meter unterhalb des Gipfels des Stockhorns Karten der Gesteinsschichten im Alpenraum ausgebreitet. Die 30-köpfige Gruppe hört ihm aufmerksam zu. Outdoorkleider gegen den schneidenden Wind, Wanderstöcke, das Durchschnittsalter nahe der Pension: Durch nichts unterscheiden sie sich äusserlich von den anderen Berggängern. Doch die Menschen, die sich um Martin Ernst versammelt haben, leben auf einem anderen Planeten. Einem viel jüngeren.

Mitglieder evangelikaler Freikirchen oder der evangelischen Landeskirche aus der Schweiz und Süddeutschland sind der Einladung der Studiengemeinschaft «Wort und Wissen» ins Berner Oberland gefolgt. Auf der naturwissenschaftlichen Exkursion wollen sie den Deckenbau der Alpen im «biblischen Kurzzeitrahmen» verstehen, so die Broschüre. Und über die «Handschrift Gottes in der Botanik» staunen. Für die Flora ist der deutsche Biologe Reinhard Junker zuständig, Geschäftsführer von «Wort und Wissen». Zuerst überlasst er, der zurückhaltende Buchautor, die Bühne aber seinem Landsmann Martin Ernst.

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