Rojava als geopolitisches Schlachtfeld


Im Windschatten zunehmender geopolitischer Auseinandersetzungen kann das Erdogan-Regime seinen neo-osmanischen Expansionskurs fortsetzen

Tomasz Konicz | TELEPOLIS

Na bitte, es geht doch! Die USA und Russland mögen sich auf einen brandgefährlichen geopolitischen Konfrontationskurs befinden, der sich auf nahezu alle strategisch wichtigen Regionen erstreckt. Doch wenn es um einen zünftigen Ethnozid geht, um Angriffskrieg, ethnische Säuberung und Kriegsverbrechen islamistischer Rackets, dann können Washington und Moskau sich zusammenreißen und durchaus noch zueinander finden. So verhinderten ausgerechnet die USA und Russland gemeinsam eine Verurteilung des gegenwärtigen türkischen Angriffskrieges gegen Rojava im UN-Sicherheitsrat, die von den Europäern eingebracht worden ist.

Diese punktuelle Übereinstimmung im Sicherheitsrat ist aber gerade Ausdruck der zunehmenden geopolitischen Konkurrenz zwischen den beiden Großmächten. Trump und Putin gaben Erdogan grünes Licht für die Invasion Nordsyriens, um die Türkei enger an das jeweils eigene geopolitische Bündnissystem zu binden. Das grüne Licht aus Washington wie aus Moskau für Erdogan, das sich in deren Haltung im Sicherheitsrat manifestierte, ist somit Ausdruck eines erfolgreichen geopolitischen Balanceakts der Erdogan-Regierung, die es fertigbrachte, in dem Spannungsfeld zwischen Ost und West ihre neo-osmanischen Expansionsbestrebung weiter forcieren zu können.

Solange die USA mit den syrischen Kurden bei der Bekämpfung des „Islamischen Staates“ kooperierten, konnte Russland mithilfe etlicher Abkommen eine substanzielle Entfremdung zwischen Ankara und Washington erreichen. Nun, da Trump auf Putins Spuren wandelt und die syrischen Kurden ebenfalls Erdogan zum Fraß vorwirft, befindet sich plötzlich Moskau geopolitisch unter Druck: Putin muss das Assad-Regime dazu bringen, stillzuhalten, während türkisch-dschihadistische Kräfte nun – nach Afrin – weiteres nordsyrischen Territorium zu besetzen drohen. Wie die Geschichte Zyperns zeigt, sind solche Eroberungszüge des lieben Nato-Partners Türkei kaum noch revidierbar.

Trump musste sich somit zwischen den Kurden und dem „Erdogan-Regime“ entscheiden, und er entschied sich für letzteres – dies ist das kalte geopolitische Kalkül, das Washington dazu brachte, den Fallout dieses Verrats auf sich zu nehmen und die bis weit in das US-Militär hineinreichende Empörungswelle auszusitzen, um einen taktischen geopolitischen Vorteil gegenüber Moskau zu erlangen.

Der Machtkampf

Es ist eine Art neo-imperialistisches Pokerspiel mit immer weiter erhöhten Einsätzen und Rojava, die Menschen in Nordsyrien, sie sind das Objekt dieses Machtkampfes. Beide imperialistischen Mächte – Moskau wie Washington – geben Erdogans Soldateska bei ihrem Ethnozid freie Hand, um damit der gegnerischen Seite höchstmöglichen Schaden zuzufügen: Die USA erleiden einen Ansehensverlust historischen Ausmaßes, der jegliche künftige Allianzbildung erschweren wird, während Moskau nun seinen geopolitischen Hebel gegenüber Washington verliert – und in eine Konfrontation mit dem türkischen Expansionsstreben in Nordsyrien gedrängt wird.

Trump forderte die syrischen Kurden offen dazu auf, doch einfach den Rückzug anzutreten und dem türkischen Einmarsch keinen Widerstand mehr entgegenzusetzen. Diese Aufforderung kommt angesichts der Tatsachen der türkischen Kriegsführung der Aufforderung gleich, doch einfach freiwillig, kampflos sich abschlachten zu lassen. Den Kurden blieb folglich keine andere Option als die Kapitulation gegenüber eben jenem Assad-Regime, das jahrzehntelang die kurdische Minderheit Nordsyriens unterdrückte.

Die USA haben somit den Angriffskrieg der Türkei auf die kurdische Selbstverwaltung offensichtlich unterstützt: Indem sie den Luftraum für die barbarischen, sich größtenteils gegen zivile Ziele richtenden Luftschläge türkischer Flugzeuge offenhielten. Die wiederholten Bitten seitens der Verteidiger Rojavas, doch zumindest den Luftraum für die türkische Luftwaffe zu sperren, stießen in Washington auf taube Ohren.

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