Rezepte gegen Religionskonflikte: Liebe, Bildung, Therapie?


Auf dem Podium: Dr. Yasemin El-Menouar, Moderatorin Christiane Florin, Prof. Dr. Gert Pickel, Saba-Nur Cheema, Dr. Lale Akgün (v. l.) Foto: © Inge Hüsgen

Nach dem rechtsextrem-antisemitischen Terroranschlag von Halle überschlugen sich die Postings in den sozialen Medien. Spekulationen über Schuldige und Motive kochten hoch, noch ehe die Hintergründe bekannt wurden. Inzwischen wissen wir, dass der Tatverdächtige seinen Terrorakt mit einer kruden antisemitischen Verschwörungstheorie begründete. Der antimoderne Mythos vom Judentum als Motor aller ängstigenden gesellschaftlichen Veränderungen ist ein nur allzu bekanntes Beispiel, wie Zuschreibungen die Wahrnehmung religiöser Gruppen verzerren können. Doch wo verläuft die Grenze zwischen Hass und legitimer Kritik, dem Kern jeder Debattenkultur? Eine Debatte über solche Fragen nur wenige Stunden nach dem Anschlag musste zwangsläufig von den Ereignissen geprägt sein.

Inge Hüsgen | hpd.de

So war es beim 34. bpb-Forum der Bundeszentrale für politische Bildung in Bonn am vergangenen Mittwoch, moderiert von der Journalistin Christiane Florin (Deutschlandfunk), bei dem Fachleute aus Forschung, Bildungsarbeit und Politik zusammenkamen. Es wird kaum verwundern, dass die Diskussion über die Wurzeln von Hass und Rassismus über weite Strecken zur Debatte über die Rolle von Religion in der säkularen Gesellschaft wurde.

Wir wissen heute, dass sich der Säkularisierungsprozess auf die Gesellschaft anders auswirkt als gedacht. Das bestätigt auch Dr. Yasemin El-Menouar von der Bertelsmann-Stiftung, die regelmäßig die Studie „Religionsmonitor“ veröffentlicht. Demnach laufen zwar den Kirchen die Mitglieder davon, doch statt eines Bedeutungsschwundes stellt die Forschung einen Bedeutungswandel von Religion fest. Ein weiterer Diskussionsteilnehmer, Prof. Dr. Gert Pickel von der Uni Leipzig, spricht sogar von einer gewachsenen Bedeutung. Diese zeige sich einerseits in einer Pluralisierung der Glaubensformen, die längst auch spirtuell-esoterische Vorstellungen umfasst. Gleichzeitig treten durch Zuwanderung neue Religionsgruppen in den Fokus, von denen die Muslime mit rund fünf Millionen die größte Gruppe bilden. Laut Religionsmonitor 2013 profitieren sie nicht von der breiten Toleranz, die etwa Christentum, Buddhismus und anderen Glaubensformen entgegengebracht wird. Ein Negativ-Image, das auch Saba-Nur Cheema bei ihrer pädagogischen Arbeit bei der Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank immer wieder begegnet. In vielen Familien mit säkularen Eltern werden trotzdem religiöse Feste gefeiert, sagt sie. Das mache die Jugendlichen neugierig, was dahintersteckt.

Ganz andere, gleichwohl gesellschaftlich hoch relevante Informationslücken konstatiert Dr. Lale Akgün, Buchautorin und Sprecherin der Säkularen Sozialdemokraten. „Viele wissen nicht, wie hoch der Einfluss der Kirchen in Deutschland ist, und sind überrascht, wenn sie erfahren, dass der Staat kirchliche Einrichtungen bezahlt“, beklagt sie. Dabei habe der Glaube die Rolle als moralische oder gesellschaftliche Richtschnur längst verloren und sei zur „Feierabendreligion“ geworden – wie man gemütlich in der Kammer eine Kerze anzündet, um der Seele etwas Gutes zu tun.

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