«Als die erste Frau, die gerade ihre Monatsblutung hatte, einen Herzinfarkt erlitt und Thrombolytika brauchte, liefen die Telefondrähte heiss»


Vera Regitz-Zagrosek doziert diesen Herbst als Gastprofessorin an der Universität Zürich zur Gendermedizin. (Bild: Annick Ramp / NZZ)

Der Mann sei in der Medizin noch immer der Prototyp, sagt die deutsche Kardiologin Vera Regitz-Zagrosek. Sie setzt sich für ein ausgewogeneres Geschlechterverhältnis in der Medizin ein – von der Forschung bis zur Chefetage.

Lena Schenkel, Rebekka Haefeli | Neue Zürcher Zeitung

Frau Regitz-Zagrosek, Sie gelten als Pionierin der Gendermedizin – was muss man sich darunter vorstellen?

Anders als viele denken, geht es nicht um Geschlechtsangleichungen. Gendermedizin will Frauen und Männer optimal behandeln, indem sie ihre jeweiligen Besonderheiten berücksichtigt. Lange hat man in der Medizin so getan, als gebe es keine Geschlechterunterschiede ausserhalb der Geschlechtsorgane.

Wie äusserte sich das?

Der Prototyp in den Lehrbüchern war männlich. Auch Medikamente werden bis heute überwiegend an männlichen Labortieren und Probanden getestet. In bloss 15 Prozent der veröffentlichten Arzneimittel-Zulassungsstudien werden Wirkungen und Nebenwirkungen für beide Geschlechter getrennt dargestellt. Die fertigen Präparate verabreicht man dann aber munter auch den Frauen – mit zum Teil verheerenden Folgen.

Zum Beispiel?

Medikamente können bei Frauen anders wirken als bei Männern. Ihre Körper sind in der Regel kleiner und haben einen höheren Fettanteil, ihre Nieren sind vor allem im Alter nicht gleich leistungsstark beim Abbau von Wirkstoffen. Ihr Stoffwechsel und ihr Hormonhaushalt sind genetisch bedingt ganz anders. So wirkte zum Beispiel ein Schlafmittel bei den Frauen viel zu stark; sie hatten gehäuft Verkehrsunfälle am Folgetag der Einnahme. In einem anderen Fall verschlechterte ein Herzmedikament den Zustand von Frauen sogar.

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