Eine gesunde Religionskritik relativiert den Wahrheitsanspruch von Religionen


Muslimische Religiosität schliesst die Anerkennung des säkularen Staates ebenso wenig aus wie jede andere Form der Gläubigkeit, die individuelle Freiheitsrechte toleriert.

Amir Dziri | Neue Zürcher Zeitung

Staat, Gesellschaft und Religion bilden keine Sinneinheit mehr. Die Zugehörigkeit des Individuums zum Staat zeigt sich weitgehend unabhängig von Merkmalen wie Sprache, Kultur, Religion oder Ethnie. Dem Staat kommt heute primär die Aufgabe der Herrschaftsorganisation zu, sein Verhältnis zur Gesellschaft zeichnet sich vor allem durch die Gewährleistung grundrechtlicher Schutzgarantien aus.

Die weltanschauliche Neutralität des Staates bedeutet, dass er gegenüber Religionen und Weltanschauungen eine respektvolle, aber klare Distanz bewahrt. Damit schafft er allerdings kaum werthaltige Bindungskräfte, über die sich eine Gesellschaft kollektiv zusammengehörig fühlt.

Vor dem Hintergrund dieses Arguments hatte der deutsche Verfassungsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde vier Möglichkeiten gesehen, um eine vorrechtliche Begründung der Freiheitsordnung zu legitimieren: zivilreligiöse, sozioökonomische, biologisch-naturale oder kulturell-mentale Quellen. Er sprach sich bekanntermassen für eine kulturell-mentale Begründung aus, als deren wichtigstes Element er das christliche Ferment betrachtete.

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