Sterblich sind nur die Anderen


Wissenschaftler glauben, den neuronalen Trick gefunden zu haben, mit dem wir das Wissen um unsere Endlichkeit verdrängen können, um nicht in Panik zu verfallen

Florian Rötzer | TELEPOLIS

Menschen wissen, dass sie sterben werden oder müssen. Dieses Bewusstsein der Endlichkeit soll sie vor allen anderen Lebewesen unterscheiden, wozu auch die Angst vor dem Altern und Sterben und Versuche gehören, das Leben mit allen Mitteln zu verlängern und das Ende hinauszuzögern, aber auch, die Toten zu ihrer letzten Reise zu verabschieden und zu begraben.

Wenn es denn zutrifft, dass sich nur die Menschen ihrer Endlichkeit bewusst sind, dann entsteht die Frage, warum sich dieser Vorlauf zum Tod nur in einer einzigen Art entwickelt hat und welchen evolutionären „Vorteil“ das haben könnte, zumal die daraus entstehende Angst zwar zu einem intensiven und produktivem Leben (carpe diam) führen kann, um trotz Tod im Gedächtnis der Anderen weiterzuleben, aber auch in eine blockierende Despression/Melancholie münden kann.

Evolutionstheoretiker wie Danny Brower haben spekuliert, dass womöglich die Evolution die Weiterentwicklung des Selbstbewusstseins, das wie auch immer ausgeprägt in Säugetieren wie Menschenaffen, Delfinen oder Elefanten oder auch in Vögeln vorhanden ist, blockiert haben könnte. Also so lange, bis sich gleichzeitig ein neuronaler Mechanismus ausgebildet hat, durch den das Wissen um die Sterblichkeit im Alltagsleben ausgeblendet oder verdrängt werden kann.

Wie können wir uns selbst täuschen?

Der Molekularmediziner Ajit Varki von der University of California kommentierte in Nature, man könne damit auch die Diskussion über andere menschlich einzigartige „Universalien“ wie Existenzangst, Theorien über das Leben nach dem Tod, Religiosität, die Bedeutung von Todesritualen, Panikattacken, Suizid, riskantes Verhalten oder Märtyrertum verknüpfen. Möglicherweise hätten auch andere Arten bereits das volle Selbstbewusstsein mit dem Wissen vom Tod entwickelt, hätten dann aber nicht wegen der extrem negativen Folgen nicht überleben können: „Vielleicht sollten wir nach den Mechanismen (oder dem Verlust von Mechanismen) Ausschau halten, die es uns ermöglichen, uns und andere über die Wirklichkeit zu täuschen, auch wenn wir wissen, dass wir und die Anderen zu solchen Täuschungen und falschen Überzeugungen imstande sind.“

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