Afghanistan: „Die Amerikaner, die müssen raus“


Mohammad Naseem schlendert am Großen Markt von Kabul, den Mandaii. Wie gewohnt, ist es voll, laut und stickig. Der greise Afghane trägt eine traditionelle Pakol-Mütze, während er getrocknete Früchte auskostet. Der Obstverkäufer, ein Mann aus der Provinz Logar nahe Kabul, starrt Naseem an, bis er ihn erkennt.

Emran Feroz | TELEPOLIS

Mohammad Naseem ist kein Unbekannter, sondern eine bekannte Persönlichkeit. In den 1980er-Jahren machte er sich in der Hizb-e Islami des Mudschaheddin-Führers und Warlords Gulbuddin Hekmatyar einen Namen. Als Kommandant befehligte Naseem mehrere hundert Männer, mit denen er die Rote Armee bekämpfte.

Doch Naseem war nicht nur ein Kämpfer, sondern auch ein Intellektueller, der sowohl zum Zeitzeugen als auch zu einem Bestandteil der Geschichte Afghanistan wurde, wie ein Gespräch mit ihm deutlich macht.

Mudschahed im Sowjetischen Afghanistankrieg, 1988. Bild: Dodmedia/gemeinfrei

„Es gibt in Afghanistan viele ideologische Importe“

Herr Naseem, Sie kennen den Krieg in Afghanistan womöglich besser als viele andere, immerhin haben Sie auch selbst daran teilgenommen. Wie würden Sie den Konflikt kurz und knapp beschreiben?

Mohammad Naseem: Es handelt sich um einen Kampf unter Brüdern. Wir töten uns gegenseitig, und das schon seit vierzig Jahren. Der Machtkampf verschiedener Ideologien wird auf den Schultern der Afghanen getragen.

Was genau meinen Sie damit?

Mohammad Naseem: Es gibt in Afghanistan viele ideologische Importe, die ihren Ursprung woanders haben. Dies betrifft nicht nur die saudisch-wahhabitische Auslegung des Islams, sondern etwa auch den Kommunismus und Sozialismus in den 1980er-Jahren oder etwa die westliche Version der Demokratie, den Liberalismus und den Säkularismus. Nichts davon ist eine wirklich afghanische Erfindung.

Nun lassen sich Teile der afghanischen Gesellschaft in all diesen politischen Lagern und zahlreichen weiteren finden. Wie lässt sich ein solches Dilemma denn lösen?

Mohammad Naseem: Die afghanische Gesellschaft muss versöhnt und vereinigt werden. Erst dann kann auch der Frieden einkehren und bleiben. Man braucht etwa eine nationale Figur, die von allen Menschen anerkannt wird und eine solche Vereinigung voranbringen kann.

Wer könnte das sein?

Mohammad Naseem: Wir befinden uns im 100. Jahr der afghanischen Unabhängigkeit. 1919 gewannen die Afghanen den Dritten Anglo-Afghanischen Krieg und wurden souverän. Natürlich klingt das in Anbetracht der aktuellen Umstände lächerlich. Unser Land ist besetzt und wir sind auf ausländische Gelder angewiesen. Doch der damalige Held war König Amanullah. Er war eine nationale Figur, die über ethnische Grenzen hinausging und das Land vereinigen konnte. Eine solche Figur brauchen wir heute. Ich denke, dass Präsident Ashraf Ghani solch ein Mann sein könnte.

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